EIN EISZEITLICHES RENTIERGEWEIH AUS „FÜRSTLICHER GRABUNG“

Das Geweihfragment „Nr. 120“ ist das Objekt des Monats Februar 2022 im Museum für Naturkunde. (Bild: Museum für Naturkunde)

Dieses eiszeitliche Rentiergeweih aus „fürstlicher Grabung“ in Bad Köstritz, ist im Geraer Museum für Naturkunde zu sehen. Es handelt sich um ein Teilstück einer verzweigten Geweihstange eines Rentiers (Rangifer tarandus). Das Geweihfragment ist 17 Zentimeter lang und kann nur von einer Seite betrachtet werden. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Knochensubstanz fest mit dem umgebenden Gestein verbunden. Ehemals war das Gestein Lockermaterial, das sich um die Geweihstange ablagerte und sich erst mit der Zeit darum verfestigte. Gefunden wurde das Fossil in einem der Gips-Steinbrüche beim Bad Köstritzer Ortsteil Gleina auf der Westseite des Elstertals.

Bereits seit dem 18. Jahrhundert wurden dort Kalk und Gips abgebaut. Besonders bekannt war der „Wintersche Gipsbruch“. In Spalten wurden mehrfach Knochen eiszeitlicher Wirbeltierarten entdeckt. Die erste Beschreibung dieser Funde stammt 1820 vom Arzt und Hofrat Dr. Karl Georg Ludwig Schottin (1774 bis 1838). Im selben Jahr widmete auch der gothaische Kammerpräsident und Naturforscher Ernst Friedrich von Schlotheim (1764 bis 1832) der Fundstelle mehrere Seiten in einer Publikation. Besonderes Augenmerk fällt in diesen Veröffentlichungen auf Menschenknochen, die zwischen den Tierknochen gefunden wurden. Sie erregten eine heftige Diskussion in der Fachwelt über die damals noch undenkbare Vorstellung der Existenz des Menschen im Eiszeitalter, worauf z. B. 1821 der Naturforscher Baron Georges de Cuvier (1769 bis 1832) in Paris pochte.

Nachdem Schottin bis 1830 weitere Knochen fand und auch andere Forscher wie Graf Caspar von Sternberg (1761 bis 1838) aus Prag in den Gleinaer Gipsbrüchen nachgraben ließen, wurde erst wieder 1862 eine Ausgrabung durch Fürst Heinrich XIV. Reuß j. L. (1832 bis 1913) angeordnet. Geleitet wurde die Unternehmung vom Gymnasialprofessor Karl Theodor Liebe (1828 bis 1894) und vom Pastor Julius Sturm (1816 bis 1896). Der Fund von Menschenknochen wiederholte sich nicht, jedoch gelang die Bergung weiterer Tierknochen, darunter über 60 Geweihfragmente vom Rentier – eines davon ist das hier vorgestellte Exemplar. Damals wurde es Teil der sogenannten „Geologischen Landessammlung“, die ab 1858 von Fürst Heinrich XIV. Reuß j. L. als fürstliche Privatsammlung angelegt wurde. Es erhielt im Katalog der „Geologischen Landessammlung“ die Inventarnummer 120. Die Sammlung existierte als solche bis 1884, denn dann wurde sie dem Fürstlichen Gymnasium Rutheneum in Gera geschenkt. Erst im Jahr 1920 übernahm das damalige Städtische Museum Gera die „Landessammlung“.

Aus dem „Winterschen Gipsbruch“ und weiteren nahe gelegenen Fundstellen sind neben Funden vom Rentier auch Knochenreste von Höhlenlöwen, Höhlenhyänen, Pferden und Wollhaarnashörnern bekannt. Sie alle stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Zeit der Weichsel-Kaltzeit bzw. „Weichsel-Eiszeit“, der letzten Kaltzeit des Erdzeitalters. Die unvergletscherte Landschaft war baumarm bis baumlos, und die Vegetation bestand aus Kräutern, Gräsern, Zwerg-Birken und niedrigen Weidengewächsen. Die Bedeutung der Köstritzer Fundstellen liegt darin, dass in ihrem Zusammenhang zum ersten Mal die Frage diskutiert wurde, ob der Mensch bereits während der Eiszeit gelebt hat.

Das Geweihfragment „Nr. 120“ ist im Gegensatz zu manch anderem Fundstück, das bei der Ausgrabung 1862 geborgen wurde, bis heute neben rund 50 Fundobjekten erhalten und erinnert an eine ehemals aufsehenerregende Fundstelle, die heute leider stark in Vergessenheit geraten ist.

QUELLE: STADTVERWALTUNG

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