{"id":1128,"date":"2017-06-17T12:16:18","date_gmt":"2017-06-17T10:16:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=1128"},"modified":"2017-06-17T13:59:53","modified_gmt":"2017-06-17T11:59:53","slug":"der-17-juni-1953-in-gera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2017\/06\/17\/der-17-juni-1953-in-gera\/","title":{"rendered":"DER 17. JUNI 1953 IN GERA"},"content":{"rendered":"<p>Eine Gedenkplatte auf dem Gehweg in der Rudolf-Diener-Strasse erinnert seit Sommer 2006 an den Volksaufstand in der Deutschen Demokratischen Republik vom 17. Juni 1953. Wegen der Anhebung der Arbeitsnormen bei gleichbleibendem geringen Lohn protestierten die Werkt\u00e4tigen an jenem Tag im gesamten Land. Auch in Gera gingen die Menschen auf die Stra\u00dfe und forderten bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen. In der Schlossstra\u00dfe und der Rudolf-Diener-Stra\u00dfe war die Lage sogar au\u00dfer Kontrolle geraten, sodass \u00fcber Gera der Ausnahmezustand verh\u00e4ngt wurde. Die Rote Armee, die mit Panzern im Einsatz war, l\u00f6ste damals alle Menschenansammlungen gewaltsam auf.<\/p>\n<p><em>Folgende Werke wurden am 17. Juni 1953 bestreikt:<\/em><br \/>\n&#8211; VEB Kompressorenwerk, Werk I<br \/>\n&#8211; VEB Roto-Record<br \/>\n&#8211; Gewosei, Werke II und IV (mit Ausnahme der Genossen)<br \/>\n&#8211; RFT Kondensatoren<br \/>\n&#8211; VEB R\u00f6ntgenwerk<br \/>\n&#8211; VEB Autoreparaturwerk (mit Ausnahme der Genossen)<br \/>\n&#8211; VEB Kolbenringwerk (mit Ausnahme der Genossen)<br \/>\n&#8211; IFA Metall<br \/>\n&#8211; VEB Filtertuchfabrik<\/p>\n<p><em>Folgende Werke wurden teilweise bestreikt:<\/em><br \/>\n&#8211; VEB Kraftverkehr<br \/>\n&#8211; VEB Kammgarnspinnerei, Werk I<br \/>\n&#8211; WMW Union<br \/>\n&#8211; VEB Textilveredlung<br \/>\n&#8211; TEWA Schraubenfabrik<br \/>\n&#8211; VEB Teppich- und M\u00f6belstofffabrik<br \/>\n&#8211; Gewosei, Werk I am 19. Juni 1953 (nur die erste Schicht)<\/p>\n<p>Von den Stadtbezirken S\u00fcd und Nord sind keine Streikkomitees bekannt. Lediglich die Betriebe Roto Record und EKM-Kompressorenwerk haben zusammen ein Streikkomitee gebildet.<\/p>\n<p>Lesen Sie hier eine Abschrift der Forderungen des Betriebes Energieverteilung Gera:<\/p>\n<blockquote><p>Im Interesse einer geordneten Weiterf\u00fchrung unseres Betriebes, \u00fcber deren Wichtigkeit sich alle Kollegen bewusst sind, ist am 17. Juni 1953, 13 Uhr, eine Protestversammlung einberufen worden, um \u00fcber die Verordnungen und Anordnungen der Regierung zu diskutieren, die sich zum Nachteil unserer schaffenden Menschen ausgewirkt haben. Von der ganzen Belegschaft wurden ohne Widerspruch folgende Forderungen als gerecht anerkannt:<\/p>\n<p>1. Zur\u00fccknahme s\u00e4mtlicher Lohn- und Gehaltsk\u00fcrzungen<\/p>\n<p>2. Zur\u00fccknahme der K\u00fcndigungen und \u00dcberpr\u00fcfung der Arbeitspl\u00e4tze zur unbedingten Einhaltung des Acht-Stunden-Tages f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten unseres Betriebes.<\/p>\n<p>3. Nachbewilligung des noch offen stehenden Urlaubs aus dem Jahre 1952, welcher in der Betriebsleitung in der gesetzlich festgelegten Zeit nicht bewilligt worden ist, bis zum 31. August 1953.<\/p>\n<p>4. Sofortige Auszahlung und Anerkennung der abgeschlossenen Wettbewerbe.<\/p>\n<p>5. Beibehaltung der dreimaligen Lohnzahlung und Einhaltung der Zahlungstermine bei Lohnempf\u00e4ngern.<\/p>\n<p>6. Wiedereinf\u00fchrung der prozentualen Zuschl\u00e4ge der Sonntagsarbeit bei Schichtarbeitern.<\/p>\n<p>7. Sofortige Abschaffung des Pr\u00e4miensystems, daf\u00fcr einen gerechten, dem mittleren Einkommen angepassten Stundenlohn.<\/p>\n<p>8. Wiedergew\u00e4hrung des Haushaltstages an alleinstehenden Frauen mit eigenem Haushalt.<\/p>\n<p>9. Wiedererstattung des Fahrgeldes f\u00fcr ausw\u00e4rtig wohnenden Lehrlinge.<\/p>\n<p>10. Aufhebung der Verordnung \u00fcber die Anrechnung des Jahresurlaubs bei Kindern und Heilfahrten.<\/p>\n<p>11. Volle R\u00fcckerstattung der Barleistungen von Seiten der Sozialversicherung an den Betrieb.<\/p>\n<p>12. Zur besseren Betriebsorganisation und Rentabilit\u00e4t unseres Betriebes fordern wir die Zur\u00fcckgabe unseres Verwaltungsgeb\u00e4udes in der Friedericistra\u00dfe 6, da bei der Erstellung des Verwaltungsgeb\u00e4udes die Kollegen freiwillige Aufbaustunden geleistet haben.<\/p>\n<p>13. Weiter Senkung der HO-Preise auf ein dem Verdienst der arbeitenden Klasse angepasstes Ma\u00df.<\/p>\n<p>14. Im Interesse Gesamtdeutschlands so bald als m\u00f6glich freie und geheime Wahlen durchzuf\u00fchren, zugleich Presse- und Informationsfreiheit zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Die aufgestellten betrieblichen Forderungen betrachten wir als vordringlich und erwarten, dass bis Sonnabend, den 20. Juni 1953, fr\u00fch 8 Uhr, die Realisierung anerkannt wird. Die Belegschaft des Betriebes Energieverteilung Gera, Betriebsabteilung Gera, wird die Ruhe bewahren und die Arbeiten in der bisherigen Weise durchf\u00fchren.<br \/>\nSollten wider Erwarten die Forderungen nicht anerkannt werden, sieht sich die Belegschaft gezwungen, andere Ma\u00dfnahmen zu ergreifen.<br \/>\nDieses Schreiben ist sofort nach einstimmigem Beschluss der Belegschaft an die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, an das Zentralkomitee der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und an den Bundesvorstand des FDGB zu richten.<\/p>\n<p>Diese Resulotion wird abgesandt im Auftrag der Belegschaft.<\/p>\n<p>Unterschrift Betriebsgewerkschaft, Unterschrift Betriebsparteileitung, Zur Kenntnis genommen: Betriebsleitung der Betriebsabteilung Gera<\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p><strong>VERLAUF IN GERA<\/strong><\/p>\n<p>Durch Rundfunksendungen und Mundpropaganda informiert, beteiligten sich auch die Einwohner Geras an den Protesten.<\/p>\n<p><em>17. Juni, 7 Uhr bis 8 Uhr<\/em><br \/>\nIn den Gro\u00dfbetrieben kommt es zu ersten Arbeitsniederlegungen und Belegschaftsversammlungen. Gegen 7 Uhr legen die Arbeiter des VEB Kompressorenwerkes Gera die Arbeit nieder. Eine Acht-Mann-Delegation formiert sich zur Streikbewegung. Im VEB Roto-Record wird ein Streikkomitee gebildet, das die Forderungen der Arbeiter schriftlich fixiert. Die Petition soll an die verantwortlichen Funktion\u00e4re des Bezirkes \u00fcbergeben werden. Ein grosser Teil der Werksangeh\u00f6rigen sammelt sich zur Demonstration.<\/p>\n<p><em>17. Juni, 10 Uhr bis 12 Uhr<\/em><br \/>\nDem Demonstrationszug schlie\u00dfen sich die Arbeiter vom VEB Kompressorenwerk, der Firma Weber, des Dampfkesselbaus, der VEB Teppich- und M\u00f6belstofffabrik, dem Werkzeugmaschinenwerk Union und des RFT-Werkes und weitere Betriebe an.<\/p>\n<p><em>17. Juni, 12 Uhr bis 15 Uhr<\/em><br \/>\nDie etwa 6000 Demonstranten ziehen vor die Dienststellen von Verwaltung und SED. Auf Transparenten ist zu lesen \u201eNieder mit der Regierung\u201d oder \u201eDer Spitzbart muss weg\u201d. Der West-Berliner H\u00f6rfunksender RIAS berichtet den ganzen Tag lang \u00fcber die Ereignisse.<br \/>\nUnterh\u00e4ndler im \u00fcbermitteln im Rat des Bezirkes Gera die Forderungen der Streikenden. Verlangt wird die Herabsetzung der Arbeitsnormen und die Aufl\u00f6sung des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit. Vor der SED-Kreisleitung Gera-Stadt werden Forderungen nach tiefgreifenden politischen \u00c4nderungen laut.<br \/>\nEtwa 120 Personen versuchen in der Greizer Gasse in die Untersuchungshaftanstalt der Polizei einzudringen. Gefordert wird die Freilassung der politischen Gefangenen. Das Rathaus wird besetzt. Propagandatafeln der SED, Transparente und Fahnen werden abgerissen. Die Polizei zeigt sich hilflos.<\/p>\n<p><em>17. Juni, 15 Uhr bis 19 Uhr<\/em><br \/>\nRund 1500 Wismut-Arbeiter treffen in Gera ein und geben dem Aufstand neuen Schwung. Mit Kippern werden Stra\u00dfensperren der Polizei durchbrochen und in der Amthorstra\u00dfe das Tor der Untersuchungshaftanstalt des Staatssicherheitsdienstes eingedr\u00fcckt. Die Besetzung des Gef\u00e4ngnisses wird durch sowjetische Truppen verhindert. Sie befreien au\u00dferdem einen Polizeiverband, der von der Menschenmenge umzingelt wurde. Gegen 17 Uhr verh\u00e4ngt der sowjetische Stadtkommandant den Ausnahmezustand. Die HO-Schaufenster und die Fenster des Hauptpostamtes am Puschkinplatz werden eingeschlagen. Gegen 18.30 Uhr umstellen Wismut-Arbeiter eine Gruppe sowjetischer Soldaten. Es fallen Sch\u00fcsse, aber niemand wird verletzt.<br \/>\nMit Waffengewalt werden die Menschenansammlungen zerstreut. Volkspolizei, Rote Armee und MFS nehmen 42 Personen fest. Die Wismut-Arbeiter ziehen sich aus Gera zur\u00fcck.<\/p>\n<p><em>18. Juni<\/em><br \/>\nIn mehreren Geraer Betrieben wird gestreikt. Man verlangt die Freilassung der Verhafteten und die Umsetzung der am Vortag vorgetragenen Forderungen.<\/p>\n<p><em>19. Juni<\/em><br \/>\nDie Diskussionen halten an. Die standrechtliche Erschie\u00dfung des Jenaer Arbeiters Alfred Diener wird bekannt gegeben.<\/p>\n<p><em>20. Juni<\/em><br \/>\nIn der Stadt sind die Gastst\u00e4tten geschlossen. Posten der Roten Armee und der Volkspolizei bewachen \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Die SED-F\u00fchrung bezeichnete den Aufstand als faschistischen Putsch, der vom Westen aus vorbereitet und gestreut worden sei. Staatssicherheitsdienst, Polizei und Justiz hatten nun die Aufgabe, die R\u00e4delsf\u00fchrer zu verhaften und zu verurteilen. Da es weder Hinterm\u00e4nner noch Anf\u00fchrer gab, wurden willk\u00fcrlich Personen verhaftet und vor Gericht gestellt.<br \/>\nDas Bezirksgericht Gera beispielsweise verurteilte schlie\u00dflich etwa 70 Personen, die aus verschiedenen Orten des Bezirkes stammten. Die Strafen reichten von sechs Monaten bis zu lebensl\u00e4nglicher Haft. Den Verurteilten warf man pauschal staatsfeindliche Aktivit\u00e4ten, mitunter auch noch eine nationalsozialistische Gesinnung vor.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>ZEUGENBERICHTE<\/strong><\/p>\n<p>Ein Zeitzeuge berichtet folgendes:<\/p>\n<blockquote><p>Der 17. Juni war ein Mittwoch. Ich selbst war Lehrling im Baugewerbe und hatte an diesem Tag Berufsschule. Als der Unterricht beginnen sollte, wurde Sportunterricht auf dem Sportplatz auf den Hofwiesen angeordnet. Die Schulleitung wollte mit dieser Ma\u00dfnahme wahrscheinlich die Jugendlichen aus dem Stadtzentrum herausbringen, denn in Berlin hatten sich Bauarbeiter gegen die vorgesehenen Normerh\u00f6hungen mit Streik und Demonstrationen erhoben. Doch dar\u00fcber wurde in der Presse nichts berichtet.<br \/>\nAls der Sportbetrieb beginnen sollte, zog ein Demonstrationszug die Sommerbadstra\u00dfe entlang und rief seine Forderungen laut durch die Stra\u00dfen. Transparente wurden mitgef\u00fchrt und alle am Stra\u00dfenrand stehenden wurden aufgefordert, sich anzuschlie\u00dfen. Wir Berufssch\u00fcler lie\u00dfen uns das nicht zweimal sagen und verlie\u00dfen den Sportplatz um zu erfahren, aus welchem Grund gestreikt wird.<br \/>\nDer st\u00e4ndig zunehmende Demonstrationszug schwenkte in die Neue Stra\u00dfe ein und hatte die SED-Agitatoren eingesetzt, von denen die aufgebrachten Arbeiter zur Ruhe und Besonnenheit aufgefordert werden sollten. Diese &#8222;armen Teufel&#8220; wurden von zirka 20 bis 30 Arbeitern umringt. Sobald sie ein Argument widerlegen sollten, wurden ihnen hundert andere Fragen gestellt. Man br\u00fcllte auf sie ein, so dass sie \u00fcberhaupt nicht zu Wort kamen. Von manchem wurde gefordert, sein Parteiabzeichen auf die Stra\u00dfe zu werfen und zu zertreten.<br \/>\nInzwischen waren vorm Hochhaus Wismutkumpel mit ihren 16-sitzigen Bussen eingetroffen. Weil sich im Parterre die Sparkasse befand und die Gitter heruntergelassen waren, konnte das Geb\u00e4ude nicht gest\u00fcrmt werden. So begn\u00fcgte man sich damit, aus den Zwillingsreifen der Busse die Schlammbatzen herauszukratzen, um die Fenster im ersten und zweiten Stock damit einzuwerfen. Da kam ein Mannschaftswagen der Volkspolizei mit zirka 20 Mann bewaffneter Mannschaft angefahren. Das brachte die Demonstranten noch mehr in Erregung. Das Fahrzeug wurde umgekippt, die Polizisten in die Flucht geschlagen und die zur\u00fcckgelassenen Waffen auf dem Bordstein zerschlagen. Dabei konnte man sehen, dass sie mit scharfen Munitionen geladen waren. Doch geschossen hat damit niemand.<br \/>\nDa wurde ein russischer Panzer T 34 eingesetzt, der am Hochhaus vorbeifuhr und sich dort postierte. Die Wismutkumpel stellten ihre Busse vor und hinter dem Panzer ab, wodurch die Panzerbesatzung \u00fcberfl\u00fcssig wurde. Denn die Busse geh\u00f6rten der sowjetisch-deutschen Aktiengesellschaft SDAG Wismut.<br \/>\nWeil man am Hochhaus nichts erreichen konnte, wurde die Parole laut \u201eAuf zur Greizer Gasse\u201d. Dort sollten die politischen Gefangenen aus dem Gef\u00e4ngnis befreit werden. So str\u00f6mten die Massen in ungeordneten Haufen zum Gef\u00e4ngnis. Dort versuchten Zimmerleute mit ihren \u00c4xten das h\u00f6lzerne Eingangstor aufzubrechen. Einer von ihnen sass bereits auf dem oberen Torbogen, als russische Soldaten eingesetzt wurden, die mit Gewehrkolben wild auf die Massen einschlugen, ohne darauf zu achten, wen oder wo sie trafen. Auf diese Weise wurde das Eingangstor wieder frei und die aufgebrachte Menge in die Greizer Stra\u00dfe gedr\u00e4ngt.<br \/>\nDie Grosse Kirchstra\u00dfe hinab fuhr ein Panzer mit tiefgesenkter hin und her schwenkender Kanone und trieb die Arbeiter auf den Rossplatz. Die Russen schossen auf das Pflaster, so dass Querschl\u00e4ger in alle Richtungen flogen und die Massen in die Seitenstra\u00dfen zur\u00fcck dr\u00e4ngten. Damit war die Demonstration schnell beendet. Keiner wagte sich, einen neuen Demonstrationszug zu bilden.<br \/>\nDie sowjetische Milit\u00e4rkommandantur verh\u00e4ngte eine n\u00e4chtliche Ausgangssperre und verbot, dass mehr als drei Personen zusammen stehen. Die Information erfolgte \u00fcber Plakate.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es wird gesch\u00e4tzt, dass etwa 6000 Menschen am 17. Juni 1953 in Gera auf der Stra\u00dfe protestierten. Einer der dabei war, ist Dr. Horst Vogler. Er lebte von 1945 bis 1980 in Gera und hat neulich niedergeschrieben, was er an diesem Tage erlebte: <\/p>\n<blockquote><p>Wir Sch\u00fcler der Oberschule II am Johannisplatz (heute wieder Goethe-Gymnasium\/Rutheneum) wurden aus uns zun\u00e4chst unbekannten Gr\u00fcnden gegen 9.30 Uhr aus dem Unterricht entlassen. Der Weg nach meinem zu Hause in der Schuhgasse f\u00fchrte mich zwangsl\u00e4ufig \u00fcber den Marktplatz. Dieser war fast ausgef\u00fcllt von einer aufgebrachten Menge. Gegen diese Ansammlung, von der offenbar kein Fotomaterial existiert, ist das H\u00e4ufchen auf dem Foto vor der Bezirksleitung mehr als bescheiden. Die Menge wurde von Rednern animiert, die auf der Terrasse des Ratskellers standen (dieser war meiner Erinnerung nach zu der Zeit geschlossen, aber diese \u201eRednertrib\u00fcne\u201c leicht von au\u00dfen erreichbar). <\/p>\n<p>Vom Markt ging es dann durch den \u201ePlatz der Brotb\u00e4nke\u201c (heute Teil des Ratskellers) zum Kornmarkt. Hier wurden vor dem Polizeigeb\u00e4ude Parolen wie \u201eFreie Wahlen!\u201c, \u201eDeutsche an einen Tisch!\u201c und \u201eLasst die politischen Gefangenen frei!\u201c skandiert. \u00dcber die B\u00f6ttchergasse und die Greizer Stra\u00dfe zog die Menge dann zum Gef\u00e4ngnis. Das muss so gegen 11 Uhr gewesen sein. Wie das zeitlich mit dem obigen Bericht zusammenpasst, wei\u00df ich nicht. Vielleicht waren das zwei unterschiedliche Z\u00fcge zu verschiedenen Tageszeiten dorthin. Nachdem die Menge zum Haupttor des Gef\u00e4ngnisses gelangt war und dieses zu \u00fcberwinden bzw. zu \u00f6ffnen versuchte, trafen auf einem Laster Angeh\u00f6rige der kasernierten Volkspolizei ein. Junge Burschen, die von der Menge massiv, aber nicht unfreundlich, verbal attackiert wurden (\u201eHans, du wirst doch nicht etwa auf deinen Vater schie\u00dfen??!!\u201c). Im Endergebnis sprangen alle (!) vom Laster und warfen unter dem Jubel der Menge ihre Gewehre auf die Stra\u00dfe! Das war an der Einm\u00fcndung der damaligen Kurzen Stra\u00dfe auf die Greizer Stra\u00dfe, also am (oberen) Zugang zum Gef\u00e4ngnis. Danach dr\u00e4ngte die Masse zum Gef\u00e4ngnistor. Was dort mit welchem Erfolg geschah, bekam ich als junger Mitl\u00e4ufer in den hinteren Reihen (also auf der Kurzen Stra\u00dfe ganz oben an der Richterstra\u00dfe stehend) nicht mehr mit. <\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sah ich in der Nikolaistra\u00dfe Busse\/LKW\u2019s, \u00fcberf\u00fcllt mit Wismutkumpels (das war erst am Nachmittag, denn die kamen von der Fr\u00fchschicht; wann und welche Kumpels nach Ihrem Augenzeugen an der Bezirksleitung aufkreuzten, geht aus dessen Bericht nicht eindeutig hervor). Sicher hat nicht zuletzt der Schwung, den die Kumpels mitbrachten, zum einen dazu gef\u00fchrt, diesen Aufstand nun als unumkehrbar anzusehen, zum anderen jedoch zum Einsatz der sowjetischen Panzer. Wenn ein solches Unget\u00fcm durch eine schmale Gasse der Altstadt donnert (die Kettenspuren waren sp\u00e4ter auch f\u00fcr Nicht-F\u00e4hrtensucher als Erinnerung noch viele Jahre an den Bordsteinen in der Schuhgasse (die war damals kaum mehr als 7-8 m breit), und selbst in der Krummen Gasse (gibt es nicht mehr) zu sehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Zeitzeuge beschreibt das, was er sah, eindeutig als einen Aufstand der Arbeiter. Die sogenannte Intelligenz und Studenten seien kaum vertreten gewesen. \u201eMein Vater arbeitete als Buchhalter bei Gera-Druck in einem nicht mehr existirenden Geb\u00e4ude im Bereich der ehemaligen Angerm\u00fchle; ich fand ihn nach bangem Suchen nachmittags friedlich und nichtsahnend im Kreise seiner ebenso ahnungslosen Kollegen emsig am Arbeitsplatz\u201d, berichtet Herr Dr. Vogler. Dass Jena bei der Berichterstattung nun weit vor Gera liegt, erkl\u00e4rt er sich so, dass die Geraer Arbeiter und Wismut-Kumpels vermutlich eher oder ausschlie\u00dflich handelnd denn berichterstattend aktiv waren, wohingegen die Jenaer die besseren Beobachter und Berichterstatter gewesen sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Der Geraer Kurt H\u00e4\u00dfner schrieb seine Erlebnisse im Oktober 2002 nieder:<\/p>\n<blockquote><p>Am 17. Juni 1953 war ich fr\u00fch 5 Uhr zur Arbeit nach W\u00fcnschendorf gefahren, ins Dolomitwerk. Gegen Mittag kamen Fahrzeuge der Wismut zur Einfahrt zum Werk und die Wismutkumpel verlangten, den Betriebsleiter zu sprechen. Dieser Betriebsleiter lehnte die Forderungen zum Streiken aber ab. Durch diese Ablehnung des Streiks wurd eihm ins Gesicht geschlagen. Nach dieser Tat fuhren die Fahrzeuge weiter nach Gera mit ihren Parolen: &#8222;Spitzbart, Bauch und Brille ist nicht des Volkes Wille&#8220; (Ulbricht; Pieck und Grotewohl).<br \/>\nDurch diese Haltung wurde der Betrieb mit Belobigung und Pr\u00e4mien ausgezeichnet. NAch dieser Schicht fuhr ich nach Hause in die Wallstra\u00dfe, wo ich vom Fenster das Polizeirevier (Alte Post) etwas sehen konnte. Am sp\u00e4ten Nachmittag, nach Eintreffen der KVP (Kasernierte Volkspolizei), ist dann die Polizei von ihrem Revier ausgebrochen und r\u00e4umte die Stra\u00dfen. Mit ihren Gewehren wurden alle aufgefordert, die Szra\u00dfe zu verlassen. Auch wir im Haus wurden aufgefordert, die Fenster zu schlie\u00dfen und zu verschwinden, es wird scharf geschossen. Erst \u00fcber Radio und am anderen Tag konnte man sich von den Ereignissen ein Bild machen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein weiterer Augenzeuge schildert die Ereignisse wie folgt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Kumpels forderten die KVP auf, unverz\u00fcglich die Stra\u00dfe freizugeben, damit sie ihre Fahrt nach Gera fortsetzen k\u00f6nnen. [&#8230;] Die KVP s\u00e4umte links und rechts die Stra\u00dfe ab, um zu verhindern, dass die Kumpels \u00fcber die Felder die Stra\u00dfe umgingen und zu Fu\u00df nach Gera kommen.&#8220; [&#8230;] M. [&#8230;] betonte, dass die [die Kumpels &#8211; Anmerkung der Redaktion] daraufhin wieder aufsa\u00dfen und die Angeh\u00f6rigen der KVP ihnen dabei behilflich waren und die Bordw\u00e4nde zumachten. Dabei h\u00e4tten Angeh\u00f6rige der KVP einigen Kumpels gegen die Beine getreten, was der Anlass zu einer Schl\u00e4gerei geworden ist. Daraufhin h\u00e4tte der befehlende Offizier dieser Einheit Schie\u00dfbefehl gegeben, was die Kumpels zum Anlass nahmen, sofort zum offiziellen Angriff auf die Einheit der KVP loszugehen. Sie h\u00e4tten dabei blitzschnell gehandelt, sodass es der KVP nicht gelang, die Gewehre durchzuladen und haben alle KVP-Angeh\u00f6rigen dieser Einheit blutig niedergeschlagen. M. [&#8230;] brachte noch zum Ausdruck, dass die KVP dem Erschlagen nur entging, da das Eingreifen, wie er sich ausdr\u00fcckt, der russischen Panzer erfolgte. &#8222;Unter dem Schutz der Panzer unserer Freunde [&#8230;] sind die Kumpels [&#8230;] dann [&#8230;] mit ihren Omnibussen weiter nach Gera gefahren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Um den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, werden Zeugen, die ihn selbst miterlebt haben, gebeten, ihre Erlebnisse niederzuschreiben und anderen mitzuteilen. Denn nur so ist es m\u00f6glich, die Erfahrungen der Vergangenheit bei der Gestaltung der Zukunft einzubeziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Eine Gedenkplatte auf dem Gehweg in der Rudolf-Diener-Strasse erinnert seit Sommer 2006 an den Volksaufstand in der Deutschen Demokratischen Republik vom 17. Juni 1953. Wegen der Anhebung der Arbeitsnormen bei gleichbleibendem geringen Lohn protestierten die <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2017\/06\/17\/der-17-juni-1953-in-gera\/\" title=\"DER 17. 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