{"id":12520,"date":"2020-09-14T02:03:38","date_gmt":"2020-09-14T00:03:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=12520"},"modified":"2020-09-17T01:45:43","modified_gmt":"2020-09-16T23:45:43","slug":"ein-graben-und-fuenf-wassermuehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2020\/09\/14\/ein-graben-und-fuenf-wassermuehlen\/","title":{"rendered":"EIN GRABEN UND F\u00dcNF WASSERM\u00dcHLEN"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein westlich der Stadt vorbeiflie\u00dfender nat\u00fcrlicher Seitenarm der Wei\u00dfen Elster bot g\u00fcnstige Voraussetzungen zur Anlage von Wasserm\u00fchlen in unmittelbarer N\u00e4he der Stadt. Sp\u00e4ter verl\u00e4ngerten ihn die M\u00fcller durch Schaffung eines k\u00fcnstlichen Kanals vom Kleinen Wehr nahe dem Wasserkraftwerk Zw\u00f6tzener Stra\u00dfe 2 \u00fcber die Debschwitzer Dorfflur bis zum Gro\u00dfen Wehr bei Zw\u00f6tzen, das 1640 und 1693 erbaut wurde. Vor ihrer Begradigung f\u00fchrte die Wei\u00dfe Elster in einer Schleife unmittelbar am Wasserwerk vorbei und speiste dort den M\u00fchlgraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Verl\u00e4ngerung des M\u00fchlgrabens wollten die M\u00fcller schon lange. Auf deren inst\u00e4ndiges Anhalten und mit der f\u00fcrstlichen Erlaubnis in der Hand, kam es 1618 zu Kaufverhandlungen. 40 Gulden f\u00fcr den Scheffel Feld und doppelt soviel f\u00fcr den Scheffel Wiese sollten die Debschwitzer Grundst\u00fccksbesitzer erhalten. Am 1. November 1620 begann mit der Messung seines Verlaufes der Grabenbau. Erst jetzt konnte genau festgelegt werden, welche Grundst\u00fccke betroffen waren. 314 Gulden, acht Groschen und neun Pfennig betrug die Summe f\u00fcr die abgetrennten Fl\u00e4chen, welche von Klotz-, Anger- und Hausm\u00fchle bezahlt werden sollte. Ein M\u00fcnzverfall, der nach der Kaufvereinbarung begann, l\u00f6ste bei den Bauern allerdings Unmut aus. Dieser wurde gesteigert, als die M\u00fcller es den Debschwitzer Grundst\u00fccksbesitzern verweigerten, die angelegten D\u00e4mme und Ufer am neuen M\u00fchlgraben f\u00fcr ihre Gastwirtschaft und Weide zu nutzen. Das f\u00fcrstliche Amt, an das sie sich in ihrer Not wandten, entschied am 2. November 1621, dass die M\u00fcller sich zwar ihres Wassergrabens und seiner Ufer mit R\u00e4umen, Gehen und Fahren gebrauchen d\u00fcrfen, die Bauern aber ungehindert ihrer Gr\u00e4serei und Viehtrift an den Ufern nachgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch erhielt der M\u00fchlgraben ein gr\u00f6\u00dferes Gef\u00e4lle und lieferte mehr Triebwasser f\u00fcr die anliegenden M\u00fchlen. Diese arbeiteten schneller und konnten in k\u00fcrzerer Zeit mehr Getreide mahlen. Vor Anlage der Cubam\u00fchle d\u00fcrfte er hinter der Kreuz-Apotheke wieder in die Wei\u00dfe Elster eingem\u00fcndet sein. Der untere M\u00fchlgraben wurde also gleich dem oberen k\u00fcnstlich angelegt. In einer um 1200 von der \u00c4btissin Agnes II. zu Quedlinburg wird unter den G\u00fctern, die sie f\u00fcr das Reichsstift wieder zur\u00fcckgewann, auch eine M\u00fchle genannt. Aufgrund der Lage der dort genannten G\u00fcter \u2014 ein Allod, Eigengut, vermutlich identisch mit dem im 19. Jahrhundert noch vorhandenen gro\u00dfen Limmerschen Garten, auch Schlicksches Erbgericht genannt, zwischen Rossplatz, Gerbergasse, G\u00e4rbergasse und Margaretengasse sowie ein Pastifolium, wahrscheinlich eine Viehweise, der sp\u00e4tere Anger bzw. Rossplatz \u2014 k\u00f6nnte mit der M\u00fchle die unweit der alten Burg der V\u00f6gte von Weida bzw. Gera gelegene Klotzm\u00fchle gemeint sein. Sie lag vor dem Klotztor in der M\u00fchlengasse und hatte 1816 eine Schneide-, Graupen-, \u00d6l-, und Mahlm\u00fchle, die mit sechs G\u00e4ngen versehen war. Im Jahre 1889 brannte sie nieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klotzm\u00fchle wird zum ersten mal mit dem Datum 7. Juni 1360 erw\u00e4hnt, als Vogt Heinrich von Gera \u201e Clotz mul und dy andir mul\u201d verkaufte. Daraus geht hervor, dass es zu dieser Zeit noch eine zweite M\u00fchle gab. Um welche es sich handelte, ist nicht bekannt. Im Jahre 1488 wird die Cubam\u00fchle zum ersten mal erw\u00e4hnt, 1496 die Hausm\u00fchle, und im 16. Jahrhundert die Angerm\u00fchle. Die Walkm\u00fchle entstand vermutlich im 15. Jahrhundert. Im Jahre 1479 gab es bereits 43 Tuchmachermeister in Gera.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geraerinnen sponnen fr\u00fcher den Flachs f\u00fcr ihre Leinenw\u00e4sche eigenh\u00e4ndig. Den auf den Feldern vor der Stadt angebauten Flachs r\u00f6steten sie im M\u00fchlgraben oberhalb der Klotzm\u00fchle. Der Flachs wurde auf Wiesen oder flie\u00dfendem Wasser, die Totte oder R\u00f6ste, ausgebreitet, damit er durch die Einwirkung der Witterung bzw. des Wassers m\u00fcrbe wurde. Danach lie\u00df sich der innere, holzige Teil des Flachsstengels von der \u00e4u\u00dferen, wertvollen Faser durch Brechen trennen. Weil das jedoch den M\u00fchlgraben stark verunreinigte und auch die Fische starben, wurde aufgrund der Beschwerde der M\u00fcller das Flachsr\u00f6sten im M\u00fchlgraben im Jahre 1487 bei zehn Gulden Strafe verboten. Damals wurde auch Holz im M\u00fchlgraben bis zur Klotzm\u00fchle gefl\u00f6\u00dft, dort aufgefangen und l\u00e4ngs des Grabens aufgestellt und verkauft. Im Jahre 1606 wurde ebenfalls aufgrund eines Gesuchs der M\u00fcller das Holzfl\u00f6\u00dfen im M\u00fchlgraben f\u00fcr immer verboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle f\u00fcnf M\u00fchlen hatten Wasserr\u00e4der mit unterschl\u00e4chtigem Antrieb. Das Wasser floss also unter dem Rad hinweg. Nur dessen Schaufeln tauchten in das Wasser und wurden in Flie\u00dfrichtung gedr\u00fcckt. Dieser Antrieb ist weniger effektiv als der oberschl\u00e4chtige Antrieb. Um dem Wasser vor den M\u00fchlr\u00e4dern eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Flie\u00dfgeschwindigkeit zu geben, lag im Wasser quer vor den R\u00e4dern jeder M\u00fchle ein Fachbaum, welcher das Wasser ein wenig anstaute. Zum Schutze der R\u00e4der vor Besch\u00e4digung befand sich noch vor dem Fachbaum quer im Wasser der Rechen, eine Art Gitter aus h\u00f6lzernen Pfosten, an dem gr\u00f6\u00dferes Treibgut aufgefangen wurde. Vermutlich besa\u00df jede M\u00fchle mehr als ein Wasserrad. Bei der Angerm\u00fchle l\u00e4sst die Anzahl der Mahlg\u00e4nge \u2014 f\u00fcnf waren es im Jahre 1810 \u2014 darauf schlie\u00dfen, dass die drei Wasserr\u00e4der besa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Klotz-, Anger-, Haus- und Cubam\u00fchle waren Getreidem\u00fchlen mit einer zus\u00e4tzlichen \u00d6lm\u00fchle. Mehrere von R\u00e4derwerk und Nockenwelle bewegten Stampfer zerdr\u00fcckten in flachen Gruben R\u00fcben- oder Hanfsamen und pressten \u00d6l daraus. Bis auf die Cubam\u00fchle waren sie auch bereichtigt, eine Schneidem\u00fchle zu f\u00fchren, was aber nicht jeder M\u00fcller in Anspruch nahm. Eine Besonderheit unter den Geraer M\u00fchlen war die Walkm\u00fchle. Schwere Holzh\u00e4mmer, von Nockenwellen angehoben, bearbeiteten in h\u00f6lzernen, innen mit kupfernen Platten beschlagenen Mulden die von Tuchmachern und Gerbern gefertigten Stoffe und Leder. Die Stoffe erhielten durch das Walken eine h\u00f6here Festigkeit; das Leder wurde geschmeidiger. Die Walkm\u00fchle geh\u00f6rte der Landesherrschaft und wurde in der Regel f\u00fcr drei Jahre an Bewerber verpachtet. Im Jahre 1852 verkaufte die f\u00fcrstliche Kammer die Walkm\u00fchle zu gleichen Teilen an das Tuchmacher-, Wei\u00dfgerber- und Zeugmacherhandwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Als am 13. August 1889 die Klotzm\u00fchle in einem mehrst\u00fcndigen Gro\u00dfbrand in Schutt und Asche versank, l\u00e4utete dies das Ende der Geraer M\u00fchlen ein. Erstmals wurde auf einen Wiederaufbau verzichtet. Die Hausm\u00fchle wurde 1936 abgebrochen; die Angerm\u00fchle fiel der Neubebauung hinter dem ehemaligen Interhotel zwischen 1969 und 1972 zum Opfer. Die Cubam\u00fchle, bereits seit dem alliierten Bombenabwurf vom 6. April 1945 eine Ruine, wurde 1978 abgebrochen. Damit verschwand die letzte der Geraer M\u00fchlen aus dem Stadtbild.<\/p>\n\n\n\n<p>TEXT: STADTMUSEUM, STADTBIBLIOTHEK, STADTARCHIV<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Ein westlich der Stadt vorbeiflie\u00dfender nat\u00fcrlicher Seitenarm der Wei\u00dfen Elster bot g\u00fcnstige Voraussetzungen zur Anlage von Wasserm\u00fchlen in unmittelbarer N\u00e4he der Stadt. 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