{"id":255,"date":"2017-05-02T10:00:01","date_gmt":"2017-05-02T08:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=255"},"modified":"2017-12-20T01:01:11","modified_gmt":"2017-12-20T00:01:11","slug":"vom-gueterverkehr-der-geraer-strassenbahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2017\/05\/02\/vom-gueterverkehr-der-geraer-strassenbahn\/","title":{"rendered":"VOM G\u00dcTERVERKEHR DER GERAER STRASSENBAHN"},"content":{"rendered":"<p><em>Bis ins Jahr 1985 wurden auf den Gleisen der Geraer Stra\u00dfenbahn auch G\u00fcter bef\u00f6rdert. Ein Zeitzeuge erinnert sich.<\/em><\/p>\n<p>Erinnerungen an Gera, die Stadt, in der ich meine Kindheit verbracht habe und heranwuchs, sind auch heute noch mit dem damaligen schmalspurigen Schienenverkehr der &#8218;Gerschen Stra\u00dfenbahn&#8216; berbinden. Ihre Aufgabe bestand n\u00e4mlich nicht nur in der Personenbef\u00f6rderung und der Verbindung der sich ausweitenden Stadtteile im S\u00fcden und im Norden mit dem Zentrum der Stadt, sondern auch im Betrieb eines G\u00fcterverkehrszweiges. Dessen Aufgabe war es, eine Vielzahl von Geraer Industriebetzrieben an den Schienenverkehr der Reichsbahn oder der Gera-Meuselwitz-Wuitz-Mummsdorfer Privatbahn anzuschlie\u00dfen und mit ankommenden G\u00fctern, vorrangig nat\u00fcrlich Kohle, aus den Gruben des Meuselwitzer Braunkohlereviers, zu versorgen. Und das geschah nahezu perfekt \u00fcber das Schienennetz der Stra\u00dfenbahn. So gab es denn auch kaum einen renomierten Fabrikbetrieb, der kein sogenanntes &#8218;Anschlussgleis&#8216; besa\u00df, auch wenn er fern der Bahnh\u00f6fe gelegen war, sei es in der Innenstadt, in Untermhaus, Zw\u00f6tzen oder Debschwitz\/Lusan. Mit zwei vorn und hinten gleich aussehenden, oberleitungsabh\u00e4ngigen elektrischen Loks, deren Fahrerhaus in der Mitte der Maschine den Stromabnehmer trug, wurde der erforderliche Betrieb durchgef\u00fchrt. Wer erinnert sich wohl nicht mehr an die &#8218;Unget\u00fcme&#8216; die in den glichen gelblich-gr\u00fcnen Farben wie die Stra\u00dfenbahnz\u00fcge, mit angeh\u00e4ngten oder auch geschobenen G\u00fcterwagen durch die Stra\u00dfen rolten. Damit man die beiden Loks nicht verwechseln konnte, trugen sie gut sichtbar die Nummern &#8218;1&#8216; und &#8218;2&#8216;. Mit Beginn der drei\u00dfiger Jahre kam noch eine weitere Lok, modernerer Bauart und wohl auch st\u00e4rker motorisiert, mit der Nummer &#8218;3&#8216; hinzu. Die Maschinen waren mit jeweils zwei Personen, den Fahrer und dem Rangierer besetzt. Die Zustellung der f\u00fcr die Betriebe bestimmten Waggons erfolgte entweder vom G\u00fcterbahnhof an der Reichsstra\u00dfe aus oder vom Endpunkt der Gera-Meuselwitz-Wuitz-Mummsdorfer Bahn (GMWE) in Pforten, am Ende der Meuselwitzer Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die Enge der Stra\u00dfen und Gassen, die die Stra\u00dfenbahnn und der ihr angeschlossene G\u00fcterverkehr durchfahren mussten, erzwangen von vornherein einen sogenannten &#8218;Schmalspurverkehr&#8216;, dessen Spurweite etwa ein Drittel unter dem der Fernbahn liegt. In den Gr\u00fcnderjahren plante und verlegte man gern diese Spur. Man tat das auch aus Gr\u00fcnden der Sparsamkeit. Waren doch die zu erwerbenden Grundfl\u00e4chen f\u00fcr die Gleisk\u00f6rper und das gesamte rollende Material wegen der geringeren Dimensionen kosteng\u00fcnstiger gegen\u00fcber dem Normalspurbetrieb. Ganz typisch galt dies \u00fcbrigens auch f\u00fcr die Meuselwitz-Wuitzer Kleinbahn zum Kohletransport f\u00fcr Geras Industrie. Waren doch die Geraer Fabriken nicht nur Gesellschafter der Kohlen- und Brikettfabriken des Meuselwitzer Reviers, sondern auch Aktion\u00e4re der Bahn, die mit ihren Geldern erbaut wurde. Sparsamkeit wurde gro\u00df geschrieben.<\/p>\n<p>Das Vorhandensein von zweierlei Spurbreite brachte naturgem\u00e4\u00df einige Probleme mit sich. Lie\u00dfen sich die in Pforten mit der GMWE einlaufenden Waggons ohne weiteres in gleicher Spurbreite weiter verfahren, so mussten die Reichsbahn-Waggons am G\u00fcterbahnhof erst einmal auf &#8218;Rollb\u00f6cke&#8216; umgesetzt werden. Dabei rollte das Laufwerk dieser Rollb\u00f6cke in den Gleisen der Stra\u00dfenbahn, w\u00e4hrend das Oberteil Schienen in Normalspurweite der Reichsbahn trug, auf die der Waggon aufgeschoben und verfestigt war. So konnten auch solche G\u00fcterwagen den Fabriken angeliefert werden, wenn z. B. Maschinen und Anlagen, Holz oder noch vieles anderes auf diesem Wege die Empf\u00e4nger erreichte. Es war immer ein Hinsehen wert, wenn zwischen den fahrplanm\u00e4\u00dfigen laufenden Stra\u00dfenbahnen die M\u00e4nner auf den E-Loks ihre sperrige Fracht durch die Stra\u00dfen bugsierten, ohne da\u00df der mitlaufende Verkehr sonderlich gest\u00f6rt wurde. \u00dcbrigens: Wollte man G\u00fcterwagen in Richtung Untermhaus speditieren, so mu\u00dfte man vom Ro\u00dfplatz an, die Strecke \u00fcber die De-Smit-Stra\u00dfe w\u00e4hlen, um um ausgangs der Schlo\u00df-Stra\u00dfe wieder in die bekannte Strecke nach Untermhaus einzubiegen. Die Passage durch die Johannisgasse war f\u00fcr G\u00fcterwagen, gleich welcher Bauart, absolut tabu. Das gab die Enge einfach nicht her. Auch wurde die Zustellung der G\u00fcterwagen m\u00f6glichst in die verkehrsarme Zeit verlegt, obwohl wir damals in Gera ja nicht gerade unter rush hours zu leiden hatten. Aber so war es nun mal.<\/p>\n<p>Auch der Fahrplanrhytmus der GMWE bestimmte die Zustellzeiten und man darf nicht vergessen, da\u00df es zumeist Kohle war, die angeliefert wurde und Voraussetzung daf\u00fcr war, da\u00df immer richtig und ausreichend Dampf in den Kesseln zum Betreiben der Maschinen war. In manchem Winter, so wei\u00df ich, war es mitunter ein Wettlauf mit der Zeit, um sicher zu stellen, da\u00df die erforderliche Kohle noch rechtzeitig auf den Fabrikhof geschoben wurde. Die M\u00e4nner der G\u00fcterverkehrsabteilung der Geraer Stra\u00dfenbahn haben da oft Besonderes geleistest, um Engp\u00e4sse zu verhindern. Zu noch nachtschlafender Zeit waren sie bei Schnee und K\u00e4lte am Werk und k\u00e4mpften mit eingefrorenen Bremsen und Weichen.<\/p>\n<p>All das ist heute Vergangenheit und unterliegt \u2013 wie alles \u2013 dem Vergessen. Die Stillegung der Gera-Meuselwitz-Wuitz-Mummsdorfer Eisenbahn hat sicherlich auch zur Einstellung des g\u00fcterbef\u00f6rdernden Teils der Geraer Stra\u00dfenbahn gef\u00fchrt. Der moderne und leistungsf\u00e4hige Lastkraftwagenverkehr bietet heutzutage umfassendere und variablere M\u00f6glichkeiten als der starre schienengebundene Verkehr. Den Fortschritt oder die Fortentwicklung zu akzeptieren ist weltweit in unserer heutigen Welt zur \u00dcberlebensfrge geworden. Ein wenig Nostalgie und Erinnern sei uns allen zum Ausgleich angeraten. Und was k\u00f6nnte erbaulicher sein als Erinnerungen an die alte Heimat. Im Fr\u00f6bel&#8217;schen Kindergarten, geleitet von Fr\u00e4ulein Wolf, in der B\u00e4rengasse, bauten wir mit unseren Steinbauk\u00e4sten die &#8218;Lorenbahn&#8216; nach und wohl jeder von uns wollte einmal &#8218;Lorenbahner&#8216; werden oder wenigsten einmal damit fahren oder mitgenommen werden. Schade, da\u00df es nie m\u00f6glich war!<\/p>\n<p>L. Petzold, Bad Orb<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">GERAER BOTE, JANUAR 1990<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Bis ins Jahr 1985 wurden auf den Gleisen der Geraer Stra\u00dfenbahn auch G\u00fcter bef\u00f6rdert. Ein Zeitzeuge erinnert sich. 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