{"id":29267,"date":"2024-01-20T11:53:05","date_gmt":"2024-01-20T10:53:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=29267"},"modified":"2024-01-20T11:53:07","modified_gmt":"2024-01-20T10:53:07","slug":"die-schlaengel-spur-aus-wurzbach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2024\/01\/20\/die-schlaengel-spur-aus-wurzbach\/","title":{"rendered":"DIE \u201eSCHL\u00c4NGEL-SPUR\u201c AUS WURZBACH"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein skurriles Fossil ist im Geraer Museum f\u00fcr Naturkunde ausgestellt. Auf einer 23 mal 15 Zentimeter gro\u00dfen Tonschieferplatte befindet sich eine auff\u00e4llige, gewundene Struktur, die an einen m\u00e4andernden Flusslauf erinnert. Das Schiefergestein ist rund 340 Millionen Jahre alt und stammt aus dem Erdzeitalter Mississippium, dem \u00e4lteren Teil des Karbons. Gefunden wurde die Schieferplatte im \u201eHerrschaftlichen Bruch\u201c beim ostth\u00fcringischen Wurzbach. Vermutlich war es um 1860, als das Fossil im Schieferbruch geborgen wurde.<br>Anschlie\u00dfend gelangte das Fossil nach Gera, in die sogenannte \u201eGeologische Landessammlung\u201c. 1858 gilt als Jahr ihrer Gr\u00fcndung durch Heinrich XIV. von Reu\u00df j\u00fcngerer Linie (1832-1913). Er verf\u00fcgte damals die Abf\u00fchrung besonderer Exponate aus den herrschaftlichen Erzgruben (\u201eEisensteingruben\u201c) und Schieferbr\u00fcchen nach Schloss Osterstein in Gera.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Ausschnitt von genau diesem Fossil wurde 1867 als detailgetreue Zeichnung in einer umfangreichen Publikation des Geraer Gymnasialprofessors Karl Theodor Liebe (1828-1894) und des in Altenburg geborenen Geologen, Mineralogen und Pal\u00e4ontologen Hanns Bruno Geinitz (1814-1890) abgedruckt. Ohne so recht zu wissen, ob die merkw\u00fcrdige Struktur pflanzlichen oder tierischen Ursprungs ist, wurde sie damals zu Ehren von Heinrich XIV. Crossopodia henrici genannt. Der in Gera geborene Geologe Ernst Zimmermann (1860-1944) erkannte 1892, dass Crossopodia henrici nur eine bestimmte Ansicht eines komplexen Fossils ist, deren unterschiedliche Perspektiven zuvor f\u00fcr grundverschiedene Fossilien gehalten wurden. Wenige Jahre zuvor hatte Christian Ernst Weiss (1833-1890) in Berlin erstmals den Gattungsnamen Dictyodora f\u00fcr dieses Fossil vorgeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 20. Jahrhundert verfestigte sich dann immer mehr die Ansicht, dass es sich bei Dictyodora um ein Spurenfossil handelt. Spurenfossilien sind versteinerte Spuren bzw. versteinertes Verhalten von ehemals existierenden Lebewesen. Sie dokumentieren die Bewegungen eines Tieres als es noch lebte. Im Laufe des 20. Jahrhunderts widmeten pal\u00e4ontologische \u201eSchwergewichte\u201c Spurenfossilien wie Dictyodora intensive Forschung. Adolf Seilacher (1925-2014) war Professor f\u00fcr Pal\u00e4ontologie in T\u00fcbingen und Adjunct Professor an der Yale University. In umfangreichen Arbeiten aus den Jahren 1955 und 1967 trug er viel zum Verst\u00e4ndnis von Dictyodora bei. Seiner Ansicht nach handelt es sich um dreidimensionale Grab- bzw. Fressg\u00e4nge von Tieren im feinen Sediment einstiger Meeresb\u00f6den vergleichbar mit den Strukturen, die Wattw\u00fcrmer im Wattboden der Nordsee erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 1981 besuchte Michael James Benton die DDR, um in Ostth\u00fcringen Fundstellen von Dictyodora aufzusuchen und Fossilien zu sammeln. Benton ist Professor f\u00fcr Wirbeltierpal\u00e4ontologie an der University of Bristol (UK) und vor allem als Autor einer Vielzahl von Sachb\u00fcchern bekannt. In seiner sehr aufschlussreichen Arbeit zu Dictyodora aus dem Jahr 1982 bildet er die Zeichnung aus dem Jahr 1867 von der hier vorgestellten Fossilienplatte erneut ab. Im Original betrachtet hat er sich das Fossil damals jedoch leider nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz dazu konnte sich erst im November 2023 die Pal\u00e4ontologin Carolina Guti\u00e9rrez aus Argentinien, die weltweit zu Spurenfossilien forscht, die Fossilienplatte im Original betrachten. In den n\u00e4chsten Jahren sind zahlreiche neue Erkenntnisse zu Spurenfossilien zu erwarten. Sehr wahrscheinlich wird sich ihre Systematik \u00e4ndern, wodurch das Fossil umbenannt werden muss. Zu sehen ist die Platte seit dem 25. Dezember 2023 in der Sonderausstellung des Museums f\u00fcr Naturkunde Gera.<\/p>\n\n\n\n<p>QUELLE: STADTVERWALTUNG\/MUSEUM F\u00dcR NATURKUNDE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Ein skurriles Fossil ist im Geraer Museum f\u00fcr Naturkunde ausgestellt. Auf einer 23 mal 15 Zentimeter gro\u00dfen Tonschieferplatte befindet sich eine auff\u00e4llige, gewundene Struktur, die an einen m\u00e4andernden Flusslauf erinnert. 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