{"id":37349,"date":"2025-05-20T23:36:13","date_gmt":"2025-05-20T21:36:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=37349"},"modified":"2025-05-20T23:36:15","modified_gmt":"2025-05-20T21:36:15","slug":"ein-kleiner-splitter-mit-grosser-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2025\/05\/20\/ein-kleiner-splitter-mit-grosser-geschichte\/","title":{"rendered":"EIN KLEINER SPLITTER MIT GROSSER GESCHICHTE"},"content":{"rendered":"\n<p>Er d\u00fcrfte eines der unauff\u00e4lligsten Objekte des Stadtmuseums sein: ein etwa vier mal zwei Zentimeter gro\u00dfer Metallsplitter, scheinbar nicht der Erhaltung wert. Wenn da nicht dieses zerknitterte St\u00fcck Papier w\u00e4re, auf dem in altert\u00fcmlicher Schrift vermerkt ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eEin St\u00fcck Erz von der Mittleren Glocke des St. Salvatorturmes, die am Vormittag des 24. Juli 1917 zerschlagen worden ist.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich erh\u00e4lt das Objekt eine ganz andere Bedeutung, schafft eine starke Verbindung zu einem lange zur\u00fcck liegenden Ereignis. Fast ehrf\u00fcrchtig f\u00e4llt der Blick nun auf die graugr\u00fcn schimmernde Bronze, den letzten Rest einer etwa 1100 Kilogramm schweren Kirchenglocke, die vor 108 Jahren zertr\u00fcmmert und eingeschmolzen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ursache dieser im gesamten Deutschen Reich im Jahr 1917 durchgef\u00fchrten Glockenabnahmen lag in der zunehmenden Rohstoffknappheit im vierten Jahr des Ersten Weltkrieges. Kriegswichtige Materialien wie Kupfer, Messing, Bronze und Zinn wurden mit teilweise drastischen Ma\u00dfnahmen beschlagnahmt. So erlie\u00df das Kriegsministerium am 1. M\u00e4rz 1917 eine Anweisung zur Erfassung und Abgabe von Bronzeglocken. Die Glocken sollten zun\u00e4chst in drei Kategorien eingeteilt werden, wobei die Gruppe A Glocken ohne kunsthistorischen Wert enthielt, die Gruppe B Glocken, deren Bewahrung w\u00fcnschenswert sei. Die Objekte der Gruppe C w\u00e4ren dagegen aufgrund ihres Alters unbedingt zu erhalten. Bei der Auswahl sollte au\u00dferdem ber\u00fccksichtigt werden, dass jede Kirche zumindest eine Glocke behielt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Registrierung im Geraer Raum sowie in den Orten um Hohenleuben, Triebes und Langenwetzendorf war der Direktor des St\u00e4dtischen Museums in Gera, Alfred Auerbach, zust\u00e4ndig. Wie Unterlagen im Stadtmuseum zeigen, erfasste Auerbach im Fr\u00fchjahr 1917 insgesamt 115 Bronzeglocken in 45 Ortschaften. Deren Gesamtgewicht betrug rund 30&#8217;000 Kilogramm. Eine zum damaligen Zeitpunkt 100 bis 200 Jahre alte Glocke wurde in der Regel nicht als historisch wertvoll eingestuft, so dass sich folgende Aufteilung ergab: Gruppe A 64 St\u00fcck, Gruppe B 38 St\u00fcck, Gruppe C 13 St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis 1. August 1917 wurden schlie\u00dflich 60 Glocken aus der Gruppe A mit einem Gesamtgewicht von 15&#8217;647 Kilogramm beschlagnahmt und eingeschmolzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kirchen in der Geraer Innenstadt traf es besonders hart. Ihre oft erst nach dem Stadtbrand 1780 hergestellten Glocken waren nicht alt genug, um der Beschlagnahme zu entgehen. In den Gottesdiensten am 22. Juli 1917 nahm Gera Abschied von seinen Kirchenglocken. Eine volle Viertelstunde lang ert\u00f6nten letztmalig die Gel\u00e4ute der Johannis- und der Salvatorkirche. Nach der Abnahme in den folgenden Tagen verblieb nur jeweils eine Glocke in den beiden Kirchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gel\u00e4ut der Salvatorkirche bestand aus drei Glocken, die gro\u00dfe von 1785, die mittlere von 1784 und die kleine von 1818. Eine vierte Glocke von 1782, nur halb so gro\u00df wie die drei erstgenannten, diente vermutlich f\u00fcr Alarmzwecke oder als Schlagglocke f\u00fcr das Turmuhrwerk. Erhalten blieb der Kirche lediglich die gro\u00dfe Glocke. Die drei anderen wurden am 24. Juli 1917 abgenommen und \u2013 um sie besser transportieren zu k\u00f6nnen \u2013 vor Ort zerschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich wurde auch die gro\u00dfe Glocke der Salvatorkirche ein sp\u00e4tes Opfer des Weltkrieges. Im Dezember 1922 konnten in der Kirche als preisg\u00fcnstiger Ersatz drei neue Stahlglocken eingeweiht werden. Um das neue Gel\u00e4ut zu finanzieren, musste allerdings die einzige noch erhaltene Bronzeglocke zur Einschmelzung verkauft werden. Im Sp\u00e4therbst 1922 erfolgte ihr Abtransport, der fotografisch festgehalten wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein St\u00fcck Metallguss, von einem Geraer aufgehoben und ans Museum gegeben, ist somit alles, was von den vier Bronzeglocken der Salvatorkirche \u00fcbrig blieb. So klein es ist, erz\u00e4hlt es doch von gro\u00dfer Geschichte, von den Ausw\u00fcchsen dieses Krieges und mahnt zugleich, aus dieser Geschichte zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>TEXT:MATTHIAS WAGNER, STADTMUSEUM<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Er d\u00fcrfte eines der unauff\u00e4lligsten Objekte des Stadtmuseums sein: ein etwa vier mal zwei Zentimeter gro\u00dfer Metallsplitter, scheinbar nicht der Erhaltung wert. 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