{"id":39640,"date":"2025-10-20T21:57:23","date_gmt":"2025-10-20T19:57:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=39640"},"modified":"2025-10-20T22:04:35","modified_gmt":"2025-10-20T20:04:35","slug":"der-unfreiwillige-griff-zur-waffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2025\/10\/20\/der-unfreiwillige-griff-zur-waffe\/","title":{"rendered":"DER UNFREIWILLIGE GRIFF ZUR WAFFE"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie in der Corona-Zeit, wo zum \u201eKampf gegen das Virus\u201c geblasen wurde, gibt es wieder eine Situation, in der von den B\u00fcrgern eine Mitmachbereitschaft erwartet wird, die deutlich \u00fcber der Freiwilligenquote liegt. Werden die gesetzten Ziele nicht erreicht, drohen Ma\u00dfnahmen, die die Freiheit des Einzelnen einschr\u00e4nken.<\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4\u00df den auf dem Nato-Gipfel 2025 in Den Haag beschlossenen F\u00e4higkeitszielen soll die Bundeswehr mittelfristig auf 260&#8217;000 aktive Soldaten und 200&#8217;000 Reservisten heranwachsen. Damit fehlen derzeit etwa 77&#8217;000 aktive Soldaten und 145&#8217;000 Reservisten. Zwar melden sich mehr Freiwillige als vorher, doch der Aufwuchs verl\u00e4uft viel zu langsam. Deshalb sind neue Modelle im Gespr\u00e4ch, \u00fcber die j\u00e4hrlich zehntausende Wehrdienstleistende gewonnen werden k\u00f6nnen, die sp\u00e4ter in die Reserve \u00fcbergehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet, der Anschein von Freiwilligkeit kann bestenfalls solange aufrecht erhalten werden, bis die maximale Zahl derer, die sich \u00fcberzeugen lassen, abgesch\u00f6pft ist. F\u00fcr diese Taktik wird im Grunde nur noch ein passendes Modell gesucht. Ein Losverfahren, wie es unl\u00e4ngst im Gespr\u00e4ch war, erinnert j\u00fcngere Menschen zu sehr an den Film \u201eDie Tribute von Panem\u201c. Aus einer ablehnenden Haltung heraus wurde auch von einer Wehrdienst-Lotterie gesprochen. Das Los entscheidet \u00fcber die weitere Existenz, und schlimmstenfalls \u00fcber Leben und Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gef\u00fchl einer Bedrohung ist in der breiten Masse trotz der vielen Berichte \u00fcber Russland Aktivit\u00e4ten kaum vorhanden. Was Politik und Medien vermitteln, wird ohnehin zunehmend mit Skepsis betrachtet. Die ausbleibende Begeisterung f\u00fcr den Dienst an der Waffe und das fehlende Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die \u201eVerteidigung des Landes\u201c haben aber noch tieferliegende Gr\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>In den vergangenen Jahrzehnten wurde den Deutschen der Krieg als ein Gespenst der Vergangenheit vermittelt. Sch\u00fclern brachte man eine globale Sichtweise bei, zu der es geh\u00f6rte, das Denken in &#8222;Nationen&#8220; zu \u00fcberwinden. In Kategorien, wie sie fr\u00fcher f\u00fcr das Erschaffen von Feindbildern n\u00f6tig waren, lassen sie sich nicht mehr hineindr\u00e4ngen. Das Reisen hat den Kontakt mit unterschiedliche Kulturen erm\u00f6glicht, und man hat sie gelehrt, insbesondere fremden Menschen respektvoll zu begegnen. Was sie von der Politik erleben, steht den zuvor in der Schule vermittelten Probleml\u00f6sungsstrategien v\u00f6llig entgegen. Dort lernt man, auf Deeskalation zu setzten und Konfliktgespr\u00e4che zu f\u00fchren. Etwas mit einer Waffe zu verteidigen, k\u00e4me ihnen nicht in den Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eNation\u201c hat also nicht mehr die n\u00f6tige Zugkraft, ebenso wie die in der Krise befindliche Demokratie, sodass \u00fcberwiegend Leute kommen, die ihr individuelles Bed\u00fcrfnis nach Gemeinschaft befriedigen wollen oder sich im zivilen Leben aus eigener Kraft nicht halten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Gemeinschaft im fr\u00fcheren Sinne, die Ziele und Strukturen vorgibt, weil eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu erf\u00fcllen war, vermissen aber nur noch wenige Menschen. Die freie, individuelle Entfaltung galt bislang f\u00fcr die Lebensgestaltung als die h\u00f6chste Maxime. So gesehen sind die jungen Menschen von heute das Ergebnis einer gutgemeinten Erziehung der vergangenen Jahre, die Abstand nehmen wollte von allem, was vorher war.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer aber im Ernstfall auf das Grundgesetzt hofft, d\u00fcrfte j\u00e4h entt\u00e4uscht werden. Die Verweigerung des Dienstes an der Waffe bleibt zwar weiterhin m\u00f6glich, doch nur wenige werden die entsprechende Passage f\u00fcr sich in Anspruch nehmen k\u00f6nnen. Es m\u00fcssen triftige Gr\u00fcnde vorliegen, zum Beispiel religi\u00f6se, um nicht verpflichtet zu werden. Die blo\u00dfe Angst um das eigene Leben reicht im Kriegsfall nicht mehr aus. Junge Menschen k\u00f6nnten sich dann fragen, warum sie eine Demokratie verteidigen sollen, die sich gerade ins Gegenteil verkehrt und allem widerspricht, was sie damals in der Schule gelernt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vielzitierte Satz \u201eStell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin\u201c dr\u00fcckt f\u00fcr Pazifisten, von denen es mittlerweile mehr denn je gibt, die Hoffnung aus, dass ein Krieg sp\u00e4testens mit Verweigerung aller, am Kampf teilzunehmen, scheitern k\u00f6nnte. Angehende B\u00e4cker, Elektroniker, Schlosser, Dachdecker, die wider Willen zu bewaffneten Befehlsempf\u00e4ngern werden, haben im Ernstfall aber keine andere Wahl \u2014 sonst werden sie h\u00f6chstwahrscheinlich selbst get\u00f6tet. Die Frage ist nur, von wem. Sollte der Krieg wirklich kommen, kann es, ganz gleich, wer ihn beginnt, zun\u00e4chst Szenen wie in der Ukraine geben. Wehrf\u00e4higen Verweigerern wird auf der Stra\u00dfe aufgelauert, um sie an die Front zu deportieren, wo jede Woche mehrere Tausend Soldaten sterben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die unbequeme Wahrheit ist, dass ein gro\u00dfer Teil als Kanonenfutter oder f\u00fcr perfide Taktiken gebraucht wird. Eingesetzt f\u00fcr Verz\u00f6gerungsgefechte, Scheinstellungen, Scheinfronten, sind sie quasi zum Abschuss freigegeben, w\u00e4hrend kleinere Truppen einen \u00dcberraschungsangriff versuchen. Floskeln wie die vom \u201eHelden\u201c, der \u201ein treuer Pflichterf\u00fcllung\u201c f\u00fcr sein Land gefallen ist, werden tausendfach \u00fcbermittelt und dienen meistens nur dem Trost der Angeh\u00f6rigen. Wer wei\u00df, wo er sich auf der Tauglichkeitsskala befindet, kann schon im Voraus absch\u00e4tzen, wof\u00fcr ihn sein Vorgesetzter einteilen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Wie in der Corona-Zeit, wo zum \u201eKampf gegen das Virus\u201c geblasen wurde, gibt es wieder eine Situation, in der von den B\u00fcrgern eine Mitmachbereitschaft erwartet wird, die deutlich \u00fcber der Freiwilligenquote liegt. 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