{"id":42235,"date":"2026-04-20T12:47:40","date_gmt":"2026-04-20T10:47:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=42235"},"modified":"2026-04-20T12:47:41","modified_gmt":"2026-04-20T10:47:41","slug":"der-knochenfund-im-stadtwald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2026\/04\/20\/der-knochenfund-im-stadtwald\/","title":{"rendered":"DER KNOCHENFUND IM STADTWALD"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Juli 2025 entdeckte Stefan Schurig im Geraer Stadtwald im Wurzelballen eines gro\u00dfen Baums, den ein Sturm zu Fall gebracht hatte, einen auff\u00e4lligen gro\u00dfen Knochen. Er entnahm den Knochen vorsichtig und kontaktierte anschlie\u00dfend das Museum f\u00fcr Naturkunde Gera. Wie alt ist der Knochen und welchem Tier geh\u00f6rt er, waren Fragen, die nach einer Antwort suchten. Zun\u00e4chst besichtigten aber die Museumsmitarbeiter die Fundstelle um die genauen Fundortdaten zu dokumentieren, aber auch um zu pr\u00fcfen, ob nicht weitere Knochen auffindbar sein w\u00fcrden. Nach gr\u00fcndlicher Suche blieb es aber bei dem einzelnen, 40 Zentimeter langen Knochen. Im Museum wurde der Knochen vorsichtig gereinigt und anhand der Ma\u00dfe und Form versucht, ihn zu bestimmen. Um zu Mammut oder Wollhaarnashorn zu geh\u00f6ren, war er zu klein, f\u00fcr Rentier oder H\u00f6hlenhy\u00e4ne viel zu gro\u00df. Der Vergleich mit dem Skelett eines Hausrindes ergab jedoch ziemliche Sicherheit, dass es sich um die linke Speiche (Radius) eines Rindes handeln m\u00fcsse. Nur war dieser Knochen aus dem Stadtwald deutlich gr\u00f6\u00dfer als die Speiche des Hausrind-Skeletts. Die genaue Zuordnung isolierter Einzelknochen ist sehr schwierig. Aus diesem Grund mussten Experten zu Rate gezogen werden. Nachdem Dr. Oliver Hampe vom Museum f\u00fcr Naturkunde Berlin die Zuordnung schon anhand von Fotografien eingegrenzt hatte, wurde der Knochen nach Weimar in die Abteilung Quart\u00e4rpal\u00e4ontologie des Forschungsinstituts Senckenberg geschickt. Dort ordneten ihn Gerald Utschig und Prof. Dr. Thomas Martin von der Universit\u00e4t Bonn schlie\u00dflich zweifelsfrei zu. Gefunden wurde die linke Speiche eines eiszeitlichen Steppenbison (Bison priscus) \u2013 eine ausgestorbene Bisonart. Die Schwierigkeit bei der Zuordnung des Knochens lag in der komplizierten Unterscheidung zum Auerochsen. Bei unvollst\u00e4ndigen oder angenagten Rinderknochen wie aus der Lindenthaler Hy\u00e4nenh\u00f6hle ist die Unterscheidung optisch im Grund unm\u00f6glich. Der Steppenbison ist ein Wildrind, das in Europa sp\u00e4testens vor 11&#8217;700 Jahren verschwand. Im Vergleich zu seinem Nachfahren, dem Amerikanischen Bison, hatte es auff\u00e4llig lange H\u00f6rner. Zudem war es insgesamt noch gewaltiger und wog bis zu 800 Kilogramm. Das Fell, das im Kopf- und Halsbereich am l\u00e4ngsten war, zeichnete sich durch eine r\u00f6tlich-dunkelbraue Farbe aus. Im Gegensatz zum Auerochsen bewohnte es w\u00e4hrend der vergangenen Kaltzeiten eisfreie Teile Europas, Asiens und Nordamerikas. Es war ein typischer Bewohner der Mammutsteppe, wo es als Herdentier eine sehr h\u00e4ufige Tierart war. Sehr wahrscheinlich stammt der Knochen von einem Steppenbison, der w\u00e4hrend der Weichsel-Kaltzeit lebte. Das war die letzte Kaltzeit des Pleistoz\u00e4ns. Benannt wurde sie nach dem Fluss Weichsel in Polen. Etwa vor 115&#8217;000 Jahren sanken die Durchschnittstemperaturen auf der Nordhalbkugel der Erde im Vergleich zur vorherigen Eem-Warmzeit deutlich. Sie endete erst rund 100&#8217;000 Jahre sp\u00e4ter vor zirka 11&#8217;600 Jahren. Charakteristisch war ein m\u00e4chtiger Eisschild, der von Skandinavien ausging und sich zeitweise bis s\u00fcdlich des Gebiets des heutigen Berlins und nach Nordrussland erstreckte. Die Ausdehnung des Eises schwankte jedoch und reichte nie soweit nach S\u00fcden wie w\u00e4hrend der vorangegangenen Saale- bzw. Elster-Kaltzeit. In ihrem Verlauf fanden auf der Nordhalbkugel wiederholt heftige Klimaschwankungen statt. Andere eiszeitliche Fossilien aus dem Raum Gera, wie z. B. das Skelett des Pohlitzer Wollhaarnashorns oder die Knochen aus der Lindenthaler Hy\u00e4nenh\u00f6hle, wurden der Weichsel-Kaltzeit schon sicher durch Altersdatierungen zugeordnet. Beim Steppenbison-Knochen aus dem Geraer Stadtwald wurde eine solche Untersuchung noch nicht durchgef\u00fchrt. Dankenswerterweise \u00fcbernahm das Forschungsinstitut Senckenberg im Weimar aber eine konservatorische Behandlung.<\/p>\n\n\n\n<p>QUELLE: MUSEUM F\u00dcR NATURKUNDE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Im Juli 2025 entdeckte Stefan Schurig im Geraer Stadtwald im Wurzelballen eines gro\u00dfen Baums, den ein Sturm zu Fall gebracht hatte, einen auff\u00e4lligen gro\u00dfen Knochen. 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