{"id":44765,"date":"2026-09-30T22:54:11","date_gmt":"2026-09-30T20:54:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=44765"},"modified":"2026-09-30T22:54:12","modified_gmt":"2026-09-30T20:54:12","slug":"die-geraer-bierstange-eine-besonderheit-mit-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2026\/09\/30\/die-geraer-bierstange-eine-besonderheit-mit-geschichte\/","title":{"rendered":"DIE GERAER BIERSTANGE \u2013 EINE BESONDERHEIT MIT GESCHICHTE"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Blick auf den Bierkonsum in Deutschland zeigt einen deutlichen Wandel: Seit Jahrzehnten geht der Verbrauch kontinuierlich zur\u00fcck. Lag der Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr der Wiedervereinigung 1990 noch bei rund 143 Litern j\u00e4hrlich, waren es 2025 nur noch etwa 84 Liter. Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt es viele \u2013 ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein, insbesondere bei j\u00fcngeren Generationen, ver\u00e4nderte Trinkgewohnheiten und nicht zuletzt gestiegene Preise. Ein Blick zur\u00fcck in die Geraer Geschichte zeigt jedoch ein v\u00f6llig anderes Bild: Im Jahr 1656 soll der Pro-Kopf-Verbrauch bei erstaunlichen 560 Litern Bier gelegen haben. Bier geh\u00f6rte damals zum Alltag und war weit mehr als nur ein Genussmittel. Doch woher wusste man eigentlich, in welchem Haus gerade Bier ausgeschenkt oder verkauft wurde? Hier kam eine besondere Geraer Tradition ins Spiel: die Bierstange.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um ihre Bedeutung zu verstehen, lohnt sich ein Blick zur\u00fcck auf das Brau- und Schankrecht in Gera. Schon im \u00e4ltesten erhaltenen Stadtrecht Geras von 1487 war festgelegt, dass jeder B\u00fcrger und jede B\u00fcrgerin, die innerhalb der Stadtmauern ein Haus besa\u00dfen, Bier brauen durften. Wie viel gebraut werden durfte, richtete sich nach der Gr\u00f6\u00dfe des jeweiligen Hauses. Die erlaubte Menge lag zwischen 40 und 400 Litern pro Jahr. Das gebraute Bier war jedoch nicht allein f\u00fcr den eigenen Haushalt bestimmt. Die Hausbesitzer waren zugleich verpflichtet, einen Teil davon auszuschenken. Damit dabei niemand benachteiligt wurde, entstand der sogenannte \u201eReiheschank\u201c. Das Recht zum Ausschank wechselte nach einer festgelegten Reihenfolge von Haus zu Haus. Wo gerade Bier ausgeschenkt wurde, zeigte ein an der Hausfassade angebrachtes Bierzeichen beziehungsweise eine Bierstange an. Die hier gezeigte Bierstange aus dem Stadtmuseum Gera besitzt Blechverzierungen aus der zweiten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts. Das Schriftwerk hingegen stammt aus dem 19. Jahrhundert. Auf diese weithin sichtbaren Zeichen soll auch die Redensart \u201eSuch, wo der liebe Gott den Arm herausstreckt!\u201c zur\u00fcckgehen. Doch auch der \u201eReiheschank\u201c unterlag festen Regeln. So durfte jeweils nur in neun H\u00e4usern gleichzeitig Bier angeboten werden. Daneben gab es \u00f6ffentliche Gasth\u00e4user und Gastwirtschaften, die ebenfalls zum Ausschank berechtigt waren. Bier hatte damals allerdings einen anderen Stellenwert als heute. Es galt nicht nur als Genussmittel, sondern geh\u00f6rte zu den allt\u00e4glichen Grundnahrungsmitteln. Man trank es zu den Mahlzeiten oder nahm es in Form von Biersuppen zu sich. So erkl\u00e4rt sich auch der eingangs erw\u00e4hnte Pro-Kopf-Verbrauch von erstaunlichen 560 Litern Bier im Jahr. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Geraerinnen und Geraer st\u00e4ndig betrunken waren. Ein gro\u00dfer Teil des t\u00e4glich konsumierten Bieres war sogenanntes D\u00fcnnbier und enthielt deutlich weniger Alkohol als die heute \u00fcblichen Biersorten. St\u00e4rkeres Bier hingegen war auch damals eher ein Genussmittel, denn die berauschende Wirkung des Bieres wusste man durchaus zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bierstange erz\u00e4hlt damit nicht nur von den fr\u00fcheren Trinkgewohnheiten, sondern auch von einem besonderen St\u00fcck Geraer Stadt- und Alltagsgeschichte. Und diese Tradition ist keineswegs vollst\u00e4ndig verschwunden. Auch heute noch ist die Geraer Bierstange ein wichtiges Symbol, das Geschichte, Tradition und Gastfreundschaft miteinander verbindet. Zwar zeigt sie l\u00e4ngst nicht mehr an, wo in der Stadt Bier ausgeschenkt oder erworben werden kann, doch ihre Bedeutung ist bis heute erhalten geblieben. Allj\u00e4hrlich zum H\u00f6hlerfest wird die Bierstange als Wanderpokal an einen besonders gastfreundlichen Gastronomiebetrieb der Stadt Gera verliehen. Wer die begehrte Auszeichnung in diesem Jahr erh\u00e4lt, erfahren wir schon an diesem Wochenende. Vom 2. bis 4. Oktober 2026 feiert Gera bereits das 35. H\u00f6hlerfest. In diesem Jahr gibt es gleich noch einen weiteren Anlass zum Feiern: 789 Jahre Stadtrecht, die unter anderem mit einem gro\u00dfen Festumzug gew\u00fcrdigt werden. Wir d\u00fcrfen also gespannt sein, welches Geraer Restaurant die Bierstange in diesem Jahr entgegennehmen und den traditionsreichen Wanderpokal f\u00fcr ein Jahr sein Eigen nennen darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">TEXT: TABEA HASAN, STADTMUSEUM<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Ein Blick auf den Bierkonsum in Deutschland zeigt einen deutlichen Wandel: Seit Jahrzehnten geht der Verbrauch kontinuierlich zur\u00fcck. 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