{"id":5982,"date":"2019-01-30T06:01:32","date_gmt":"2019-01-30T05:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=5982"},"modified":"2019-02-01T12:40:15","modified_gmt":"2019-02-01T11:40:15","slug":"gera-und-die-zeit-des-nationalsozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2019\/01\/30\/gera-und-die-zeit-des-nationalsozialismus\/","title":{"rendered":"DIE ZEIT DES NATIONALSOZIALISMUS"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Es folgten zw\u00f6lf Jahre Totalitarismus, welche in einem noch nie dagewesenen Krieg endeten. In diesem Beitrag werden die Zusammenh\u00e4nge erkl\u00e4rt und Auswirkungen vor Ort beschrieben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 ver\u00e4nderte auch im Deutschen Reich die politischen Verh\u00e4ltnisse. Hinzu kamen die Auswirkungen des Friedensvertrages von Versailles. Von entscheidender Bedeutung f\u00fcr die nachfolgende Entwicklung war der Gedanke eines Nationalstaates, welcher Deutschland schon zuvor erreicht hatte. Dieser wurde genutzt, um ein Bewusstsein aufzubauen, das alle gesellschaftlichen Ebenen miteinander verbindet, die Kl\u00fcfte zwischen den einstigen St\u00e4nden \u00fcberwindet und sich als Ganzes neu ausrichten l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Probleme in Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre zunahmen, konnte die NSDAP den aufkommenden Unmut der Menschen b\u00fcndeln und diesem eine Richtung geben. Ins Visier gerieten vor allem die Juden. Ihnen wurde unterstellt, sich als fremdes Volk unbemerkt auf Kosten der deutschen Allgemeinheit zu bereichern. Adolf Hitler bediente sich bei seinen Ausf\u00fchrungen gern der rhetorischen Mittel eines Demagogen. Das am 24. Februar 1920 verk\u00fcndete Parteiprogramm der NSDAP umfasste 25 Punkte und beinhaltete Forderungen, die schon damals erkennen lie\u00dfen, dass sie nur auf eine Expansion durch Krieg sowie Enteignungen und Ausweisungen hinauslaufen konnten. Unter anderem war die Rede von einem &#8222;Gro\u00df-Deutschland&#8220;, der &#8222;Abschaffung des arbeits- und m\u00fchelosen Einkommens&#8220;, der &#8222;Brechung der Zinsknechtschaft&#8220; und der &#8222;Schaffung einer starken Zentralgewalt des Reichs&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Adolf Hitler besuchte die Stadt Gera das erste mal am 13. November 1925, und zwar gemeinsam mit Rudolf Hess im Rahmen einer Fahrt durch mehrere St\u00e4dte in Th\u00fcringen. Vor dem Lokal seines Auftrittes in der Heinrichstra\u00dfe protestierten Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die NSDAP. Der n\u00e4chste Besuch Hitlers folgte am 25. November 1925. Am 12. Juli 1930 hielt Hitler zum Gauparteitag der NSDAP eine Rede im Gesellschaftshaus &#8222;Heinrichsbr\u00fccke&#8220;. Am 5. September 1931 kam er erneut und sprach am Marktplatz sowie am Gesellschaftshaus &#8222;Heinrichsbr\u00fccke&#8220;, anl\u00e4sslich des 7. Th\u00fcringer Gauparteitages, der am 6. September endete. Dort traten auch Fritz Sauckel und Dr. Wilhelm Frick auf. Am 26. Juli 1932 sprach Hitler vor rund 40&#8217;000 Anh\u00e4ngern auf dem Geraer Sch\u00fctzenplatz. Mitglieder der Eisernen Front und der KPD protestierten gegen ihn. Auch am 17. Juni 1934 hielt Hitler in Gera eine Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Gruppe, die den Namen &#8222;Hitlerjugend&#8220; f\u00fchrte, war eine NS-Jugendgruppe in Gera, schreibt Cornelia Schmitz-Berning in ihrem Buch &#8222;Vokabular des Nationalsozialismus&#8220;. Die regionale Gruppe war am 2. Mai 1926 gegr\u00fcndet worden. &#8222;Diesen Namen gebrauchte als erster der damalige stellvertretende Leiter des Gaues Th\u00fcringen, Dr. Hans Severus Ziegler, am 2. Mai 1926 in Gera&#8220;, hei\u00dft es in dem Buch. Am 8. Oktober 1923 entstand die Ortsgruppe Gera der NSADP.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Reichstagswahl am 5. M\u00e4rz 1933 entfiel nichteinmal die H\u00e4lfte der Stimmen, die die wahlberechtigten Geraer abgegeben hatten, auf die NSDAP. Im Reichsdurchschnitt sah das nat\u00fcrlich anders aus als in Gera mit seinem hohen Arbeiteranteil. Viele Geraer nahmen anfangs nicht immer so deutlich wahr, wie sich die Politik ab dem Fr\u00fchjahr 1933 allm\u00e4hlich ver\u00e4nderte. Damals wurden Neuigkeiten vor allem der Zeitung entnommen; nur wenige besa\u00dfen einen Rundfunkempf\u00e4nger. Die Zustimmung zum nationalsozialistischen Staat und der NS-Regierung wuchs allerdings in den nachfolgenden Monaten recht schnell. Denn viele Menschen sp\u00fcrten die Auswirkungen des Friedensvertrages von Versailles immer deutlicher und lie\u00dfen sich davon \u00fcberzeugen, er w\u00fcrde benutzt, um Deutschland zu schw\u00e4chen und auszubeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn in seinen Reden behauptete Adolf Hitler, ein internationaler Kl\u00fcngel, bestehend aus Gro\u00dfkapitalisten, sauge das Land aus und verhindere dessen wirtschaftliche Eigenst\u00e4ndigkeit. Sieben Millionen Mark m\u00fcsse Deutschland j\u00e4hrlich \u00fcberweisen. Staaten, die sich von diesem System lossagen wollten, w\u00fcrden wirtschaftlich isoliert und k\u00f6nnten keine internationalen Vertr\u00e4ge mehr abschlie\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit den Kriegsvorbereitungen wurde im Grunde unmittelbar nach dem Machtwechsel begonnen. Hitler hatte seinen Kurs zwar mehrmals dargelegt, doch die meisten Menschen erkannten die Zusammenh\u00e4nge auch dann nicht, als sie mit zahlreichen Auff\u00e4lligkeiten konfrontiert wurden: Bereits 1934 mussten alle Geraer an Luftschutzschulungen teilnehmen. Im Jahre 1935 wurden erstmals die H\u00f6hler kartiert. Eine Karte mit den \u00f6ffentlichen Luftschutzr\u00e4umen zeigt das Stadtmuseum bei Ausstellungen zum Thema. Die vielen privaten Luftschutzr\u00e4ume sind darauf allerdings nicht verzeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen und eine hohe Staatsverschuldung erm\u00f6glichten es, Arbeitslose und verarmte Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen. Es gab \u00f6ffentliche Bauprogramme und Projekte zur Aufr\u00fcstung. Eingef\u00fchrt wurden zudem der gesetzliche Urlaubsanspruch \u2014 es waren 14 Tage \u2014 und Steuererleichterungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der ersten Ma\u00dfnahmen der NS-Regierung war es, die Ver\u00f6ffentlichung des Staatshaushaltes zu unterbinden. Ab dem Jahre 1934 galten die Zahlen als geheime interne Angelegenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Um einen Staatsbankrott abzuwenden, wurden j\u00fcdische Mitb\u00fcrger zun\u00e4chst entrechtet und enteignet. Deren Verm\u00f6gen wurde auf rund sieben Milliarden Reichsmark beziffert und zur Konsolidierung des Staatshaushaltes verwendet, der j\u00e4hrlich Ausgaben in H\u00f6he von rund 17 Milliarden Mark vorsah. Juden war die Auswanderung zun\u00e4chst gestattet, doch allm\u00e4hlich wurde sie erschwert. Es folgten Sondersteuern und Enteignungen, um an ihren Besitz zu gelangen. In Gera lebten gem\u00e4\u00df der im Jahre 1933 durchgef\u00fchrten Volksz\u00e4hlung 378 Juden. Dies entsprach einem Anteil von 0,5 % an der Stadtbev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sogenannte Reichskristallnacht (<a aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.studiogera.de\/001\/2017\/11\/08\/pogrom-im-november-1938\/\" target=\"_blank\">interne Weiterleitung<\/a>) sollte eine Ausbeute von einer Milliarde Mark erbringen. Das waren 6,5 % der laufenden Jahreseinnahmen. Das Deutsche Reich n\u00e4herte sich immer mehr der Zahlungsunf\u00e4higkeit und hatte bereits Probleme, seine Beamten zu bezahlen. Den einzigen Ausweg sah die nationalsozialistische Regierung in der Enteignung der Juden. Beeinflusst durch die NS-Propaganda hielten die meisten nicht betroffenen Menschen still oder bef\u00fcrworteten das Vorgehen sogar.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wenn das deutsche Volk die Judenherrschaft in seinem Lande brach, so befreit es sich damit aus der wirtschaftlichen, geistigen und politischen Versklavung durch eine bluts- und damit wesensfremde Rasse. Die Judenfrage ist aber nicht nur eine Frage des deutschen Volkes. Der Ablauf des Geschehens in der Welt sagt jedem, der sich der Wahrheit nicht verschlie\u00dfen will, dass die Judenfrage schon seit langem zur Frage der ganzen Menschheit geworden ist. Der V\u00f6lkerfriede wird erst dann in die Welt gekommen sein, wenn dem Nutznie\u00dfer der Kriege die M\u00f6glichkeit f\u00fcr immer genommen ist, die V\u00f6lker gegeneinander zu hetzen. Wer sehend geworden ist, der wei\u00df, ohne L\u00f6sung der Judenfrage keine Erl\u00f6sung der Menschheit.&#8220;<br><\/p><cite>Julius Streicher, Politiker und Publizist in der NS-Zeit<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ausrufe dieser Art wurden von den meisten Menschen nicht hinterfragt, und so dachte man auch nicht dar\u00fcber nach, warum sich die den Juden zur Last gelegten Dinge in der Geschichte auch dort zeigten, wo sie gar nicht pr\u00e4sent waren, geschweige denn Einfluss h\u00e4tten nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wegen der hohen Verschuldung wurden deutsche Staatspapiere an den B\u00f6rsen verschm\u00e4ht. Man rechnete mit einem Werteverfall. Um den Kurs der W\u00e4hrung zu st\u00fctzen, musste Deutschland fortlaufend seine eigenen Anleihen kaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Gera, einer Stadt der Textilindustrie, die sich sp\u00e4ter auch zu einer Stadt des Maschinen- und Werkzeugbaus entwickelte, wurde in den 1920er Jahren in diesen Bereichen viel produziert. Aber es gab keine Betriebe der Elektrotechnik, Elektronik oder Optik. Diese etablierten sich tats\u00e4chlich erst im Nationalsozialismus im Stadtgebiet. Im Jahre 1938 wurden in der Keplerstra\u00dfe die Geraer Technischen Werkst\u00e4tten errichtet, die sp\u00e4ter die Bezeichnung Carl Zeiss Gera trugen \u2014 einem Ableger von Carl Zeiss Jena. Sie wurden damals mit gro\u00dfem Aufwandt im T\u00fcrkengraben, einem schmalen Waldeinschnitt, errichtet &#8211; wohlweislich mit der Absicht, sie zu sch\u00fctzen. Hierzu wurde auf dem Dach sogar ein rotes Kreuz angebracht. An der Ecke Ebelingstra\u00dfe\/Parkstra\u00dfe\/Neue Stra\u00dfe er\u00f6ffnete im Jahre 1938 ein Betriebsteil von Siemens &amp; Halske zur Fertigung von Kondensatoren. Fotografien des Stadtmuseums zeigen, wie Zwangsarbeiter in dieser Firma die Kondensatoren herstellen. Als dritter Betrieb wurde im Jahre 1939 in der S\u00fcdstra\u00dfe in Debschwitz eine Aussenstelle der Firma Hescho AG (Hermsdorf-Schomburger Isolatorengesellschaft) errichtet. Dort wurden keramische Kondensatoren gefertigt. Kondensatorenfabriken waren damals wichtige R\u00fcstungsbetriebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine nationalsozialistische Wirtschaftspolitik erkl\u00e4rte Adolf Hitler am 20. Mai 1937 wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-5982-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.studiogera.de\/001_AUDIO\/HITLER_002.mp3?_=1\" \/><a href=\"http:\/\/www.studiogera.de\/001_AUDIO\/HITLER_002.mp3\">http:\/\/www.studiogera.de\/001_AUDIO\/HITLER_002.mp3<\/a><\/audio>\n\n\n\n<p><em>Rede Adolf Hitlers in Berchtesgaden<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gera hatte man wegen seiner g\u00fcnstigen Lage an der Autobahn gew\u00e4hlt; die Anschlussstelle Gera war im Dezember 1937 er\u00f6ffnet worden. Zudem gab es hier die ben\u00f6tigten Arbeitskr\u00e4fte. Dennoch verging viel Zeit, bis die Geraer Technischen Werkst\u00e4tten gen\u00fcgend Arbeiter hatten. Sie brauchten etwa 1000 Leute und mussten viele von au\u00dferhalb hier ansiedeln. Die Zwangsarbeiter, die hierzulande t\u00e4tig waren, wurden seinerzeit Ostarbeiter genannt und trugen auf der rechten Jackenh\u00e4lfte ein Kennzeichen mit der Aufschrift &#8222;Ost&#8220;. Sie stammten aus den vereinnahmten Gebieten im Osten und wurden zun\u00e4chst ab 1941 angeworben. Da das aber nicht den erhofften Erfolg brachte, wurden sp\u00e4ter viele zwangsrekrutiert. Diese Ostarbeiter arbeiteten in fast allen gro\u00dfen Geraer Betrieben. Der Grund war, dass sich die M\u00e4nner an der Front befanden und in den Fabriken Arbeitskr\u00e4fte fehlten. Ab 1942 sollten dann mehr und mehr Frauen in den Betrieben besch\u00e4ftigt werden. Die jungen Frauen waren zwar dazu bereit, die \u00e4lteren aber weniger, da sie noch unmittelbar nach dem Machtwechsel aus den Betrieben gedr\u00e4ngt worden waren. <\/p>\n\n\n\n<p>45 Milliarden Reichsmark wurden seit 1933 f\u00fcr die Aufr\u00fcstung ausgegeben. Die Finanzierung des R\u00fcstungsprogrammes stie\u00df aber bald an ihre Grenzen. Bei den Besetzungen anderer L\u00e4nder war stets ein Sonderkommando dabei, welches in die jeweilige Nationalbank eindrang und sich des in den Banktresoren befindlichen Goldes, der W\u00e4hrungsreserve, bem\u00e4chtigte. Mit diesem f\u00fcr das Deutsche Reich sichergestellten Gold konnte der Staatshaushalt kurzfristig stabilisiert werden.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>1938: Oesterreich, Ausbeute 83 Tonnen<\/li><li>1939: Tschechoslowakei, Ausbeute 3,5 Tonnen<\/li><li>1939: Niederlande, Ausbeute 132 Tonnen<\/li><li>1939: Luxemburg, Ausbeute 4 Tonnen<\/li><li>1939: Belgien, Ausbeute 180 Tonnen<\/li><li>1943: Italien und Albanien, Ausbeute 65 Tonnen<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Rund 345 Tonnen Gold \u2014 das sind rund zwei Drittel der deutschen Goldlieferungen in das Ausland \u2014 wurden im Zeitraum von 1940 bis 1945 der Schweizerischen Nationalbank verkauft, um an konvertible Devisen zu gelangen. Allein in \u00d6sterreich gab es eine Ausbeute von einer Milliarde Mark in Gold und Devisen. Die Summe war aber schon nach wenigen Wochen verbraucht. Auch das eingeschmolzene Zahngold der ermordeten Menschen wurde in die Schweiz gebracht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Verschuldung des Deutschen Reiches ist so gro\u00df, dass selbst bei sch\u00e4rfster Auspl\u00fcnderung des unterworfenen Polens und Frankreichs diese Schulden nicht bezahlt werden k\u00f6nnen. W\u00fcrde man den Krieg beenden und Frieden schlie\u00dfen, k\u00e4me die Haushaltskonsolidierung mit eiserner Notwendigkeit auf das deutsche Volk zu.<br><\/p><cite>Carl Friedrich Goerdeler, Jurist, Politiker und Widerstandsk\u00e4mpfer<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Von Mai 1944 bis Kriegsende erlebte Gera zw\u00f6lf gro\u00dfe Luftangriffe \u2014 den schwersten am 6. April 1945. Der 12. April 1945 war der letzte Tag, an dem in Gera eine Zeitung erschien. Es war eine Behelfsausgabe, gedruckt im Druckhaus Schmidt, da das Druckhaus der Geraer Zeitung zerbomt war. Fritz Sauckel, Th\u00fcringer Gauleiter, wird darin zitiert: \u201eWer vor dem Feind die wei\u00dfe Fahne hisst, wird als Landesverr\u00e4ter und Deserteur behandelt.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Kriegswochen richtete man Standgerichte ein. So wurde in Korbu\u00dfen beispielsweise der B\u00fcrgermeister erschossen, weil er wenige Tage vor Eintreffen der Amerikaner die wei\u00dfe Fahne aus dem Fenster gehengt hatte. Die Zeitungen berichteten zwar auch von der Front, aber aus einer anderen Perspektive. <\/p>\n\n\n\n<p>Was aus dem H\u00e4ftlingszug wurde, der sich von K\u00f6stritz kommend durch Gera bewegte, ist nicht bekannt. Es muss bedacht werden, dass diese Menschen Freitagmorgen, den 13. April 1945, durch Gera marschierten und um 12 Uhr Feindalarm gegeben wurde. Sie nahmen die Strecke Am Sommerbad\u2014Heinrichsbr\u00fccke\u2014Wiesestra\u00dfe\u2014Zoitzbergstra\u00dfe\u2014Zw\u00f6tzener Br\u00fccke\u2014Elsterdamm\u2014Salzstra\u00dfe\u2014Zoitzbr\u00fccke (Liebschwitz)\u2014Unterr\u00f6ppisch\u2014Wolfsgef\u00e4rth\u2014Weida. Es gab Nebenrouten durch die Schlachthofstra\u00dfe, Reichsstra\u00dfe, Kauern, Liebschwitz, Untitz, Falka und Wei\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau, die damals in der Wiesestra\u00dfe wohnte, schilderte ihre Erlebnisse bei einer Sonderf\u00fchrung im Mai 2010 im Stadtmuseum:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIch war mit meiner Mutter dabei, als die Buchenwaldh\u00e4ftlinge durch Gera getrieben wurden. Als wir ihnen zu essen geben wollten, kam ein SS-Aufseher und wollte meine Mutter erschie\u00dfen. Er tat es gl\u00fccklicherweise doch nicht. Es h\u00e4tte aber auch anders ausgehen k\u00f6nnen, da es strengstens verboten war, den H\u00e4ftlingen etwas zu Essen zu reichen.\u201d<\/p><cite>Schilderung einer Augenzeugin<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>An diesem Freitag wurden von deutscher Seite die Eisenbahnbr\u00fccke in Zw\u00f6tzen, die Zoitzbr\u00fccke in Liebschwitz, die Elsterbr\u00fccke bei Meilitz und das Eisenbahnviadukt \u00fcber die Elster bei W\u00fcnschendorf gesprengt. Die Sprengung der Autobahnbr\u00fccke bei Thieschitz gelang nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Amerikaner kamen einen Tag sp\u00e4ter von Westen her \u00fcber die Autobahn und die Einfallstra\u00dfen. An mehreren Stellen gab es noch Versuche der Verteidigung. Zumeist bestand diese aus Jugendlichen, die als Luftwaffenhelfer eingesetzt waren und umgangssprachlich Flakhelfer genannt wurden. Eine entsprechende Verf\u00fcgung wurde im Januar 1943 erlassen, nach welcher 15- und 16-j\u00e4hrige Sch\u00fcler aus den mittleren Schulen dazu eingesetzt werden d\u00fcrfen. Die jungen Leute gingen zum Teil mit gro\u00dfem Enthusiasmus daran, verkannten die Situation aber v\u00f6llig. Viele von ihnen kamen zu Tode.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittag des 14. April, einem Samstag, kapitulierten die 1200 Soldaten und Offiziere der Reu\u00dfischen Kaserne. Somit endete f\u00fcr Gera der Krieg. In der Stadt kamen 548 Menschen durch Luftangriff und Artilleriebeschuss zu Tode. \u00dcber 2600 Geraer Soldaten fielen an der Front, 28 starben in Konzentrationslagern und Gef\u00e4ngnissen, und neun einige Zeit sp\u00e4ter an den Haftfolgen. Von den B\u00fcrgern j\u00fcdischen Glaubens starben 211 Menschen; die anderen konnten rechtzeitig emigrieren, sodass zum Kriegsende 1945 in Gera noch sechs Juden \u2014 es waren vier Frauen und zwei Kinder \u2014 lebten. Etwa ein Zehntel der Geb\u00e4ude waren zerst\u00f6rt, und damit 1800 Wohnungen. Im Vergleich zu manch anderen St\u00e4dten war das jedoch nicht viel. Als 1948 eine junge Fotografin von Dresden nach Gera zog \u2014 sie lebte einige Jahre hier \u2014 schrieb sie in ihr Tagebuch: \u201eSo eine sch\u00f6ne, kleine, unzerst\u00f6rte Stadt\u2026\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Am 7. Mai 1945 setzten die amerikanischen Besatzungstruppen den Geraer Rechtsanwalt Dr. Rudolf Paul als Oberb\u00fcrgermeister ein. Wenige Tage sp\u00e4ter, am 18. Mai 1945, berief Rudolf Paul den neuen Stadtrat. <br>\nEs gab keinen Rundfunk, keine Zeitung, keine Post, keine Wasserversogung, keinen \u00f6ffentlichen Personenverkehr, und nichts zu kaufen. Viele Menschen wussten nicht, woran sie waren. Bis auf die vom NS-Regime Verfolgten wurden die Amerikaner anfangs deshalb nicht unbedingt als Befreier angesehen. Man hatte eher Angst vor diesen. Erst nach und nach stellte sich ein Gef\u00fchl der Befreiung ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Montag, den 2. Juli 1945 kamen dann die russischen Truppen aus Richtung Ronneburg nach Gera. Im Vorfeld waren die Geraer durch das Antifa-Komitee und dem Oberb\u00fcrgermeister Paul aufgefordert worden, zu kommen und die russischen Truppen zu begr\u00fc\u00dfen. Die Panzer fuhren die Altenburger Stra\u00dfe herunter zum Marktplatz. Es folgte eine Zeit der Befehle, Verordnungen, Anordnungen. Eine Bodenreform wurde durchgef\u00fchrt, es kamen Vertriebene, und es begann die Demontage. Deutschland, besonders der Osten, wurde um Jahrzehnte zur\u00fcckgeworfen. Bis das normale Leben zur\u00fcckkehrte, vergingen mehrere Jahre. Oberb\u00fcrgermeister Rudolf Paul wurde am 16. Juli 1945 Landespr\u00e4sident, danach Ministerpr\u00e4sident. Am 1. September 1947 fl\u00fcchtete er \u00fcber West-Berlin in die amerikanische Besatzungszone.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Artikel, die darin enthaltene Tonaufnahme sowie die Zitate dienen nach \u00a7 86 StGB einzig der Berichterstattung, dem geschichtlichen Verst\u00e4ndnis und der geschichtlichen Aufarbeitung. Eine Verbreitung zum Zwecke der politischen Einflussnahme oder zum Generieren antisemitischer Haltungen ist verboten.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Es folgten zw\u00f6lf Jahre Totalitarismus, welche in einem noch nie dagewesenen Krieg endeten. 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