{"id":7183,"date":"2019-05-16T15:37:36","date_gmt":"2019-05-16T13:37:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.studiogera.de\/001\/?p=7183"},"modified":"2019-05-16T16:26:43","modified_gmt":"2019-05-16T14:26:43","slug":"die-demokratie-und-der-niedergang-des-staates","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiogera.de\/001\/2019\/05\/16\/die-demokratie-und-der-niedergang-des-staates\/","title":{"rendered":"DIE DEMOKRATIE UND DER NIEDERGANG DES STAATES"},"content":{"rendered":"\n<p>Ein Staat braucht das gemeinsame Zusammenwirken seiner Menschen, um als solcher bestehen zu k\u00f6nnen. \u00c4ndern sich deren Bed\u00fcrfnisse oder die inneren und \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde, organisiert er sich um oder kommt zu Fall. Dabei sind beim Werdegang der sich ver\u00e4ndernden sozialen Gebilde durchaus Muster erkennbar. In Zeiten, da die Stabilit\u00e4t der vergangenen Jahre zu schwinden scheint, ist es besonders geboten, danach zu suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon vor 2500 Jahren versuchte man, verschiedene Beobachtungen zusammenzuf\u00fcgen und hielt diese schriftlich fest. Der griechische Gelehrte Platon verfasste um 370 vor Christus die \u03a0\u03bf\u03bb\u03b9\u03c4\u03b5\u03af\u03b1, welche, neben zahlreichen anderen Werken, bei der Orientierung und Einordnung der gegenw\u00e4rtigen Situation dienlich sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Platon beschreibt in seinem Werk \u03a0\u03bf\u03bb\u03b9\u03c4\u03b5\u03af\u03b1, Buch VIII und IX, verschiedene Staatsformen und sieht folgenden Werdengang, ausgehend von der aus seiner Sicht idealen Staatsform: Aristokratie\u2014Timokratie\u2014Oligarchie\u2014Demokratie\u2014Tyrannis. Seiner Auffassung nach hat der Staat daf\u00fcr zu sorgen, dass die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Zahl von B\u00fcrgern das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Gl\u00fcck erf\u00e4hrt. Dieses Prinzip wird zweieinhalbtausend Jahre sp\u00e4ter als Utilitarismus bezeichnet. Der Gelehrte entwarf f\u00fcr seinen Idealstaat ein Modell mit drei gesellschaftlichen St\u00e4nden. Den ersten bilden die Herrscher, den zweiten die Soldaten, welche f\u00fcr die Sicherheit im Inneren und \u00c4u\u00dferen zust\u00e4ndig sind, und der untere Stand besteht aus Handwerkern, Bauern und H\u00e4ndlern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Menschen eines jeden Standes haben die Pflicht, entsprechend ihrer Natur und Vorsehung zum Gemeinwohl beizutragen. Die Natur bestimmt gem\u00e4\u00df Platon die Eigenschaften eines Menschen. Und diese Eigenschaften wiederum bestimmen, wer welchen Platz in der Gesellschaft einzunehmen hat. Eingehend auf diese naturgegebenen Eigenschaften beschreibt Platon eine aus drei Teilen bestehende Seele des Menschen: Triebe, Emotionen und Vernunft, wobei von Mensch zu Mensch immer jeweils einer dieser drei dominiert. Im Idealstaat werden die Vern\u00fcnftigen zu Herrschenden und nehmen damit den h\u00f6chsten Rang ein. Nach Gef\u00fchlen handelnde Menschen werden eher zu Soldaten und gelangen so in den zweiten Stand. Ihre Tugend ist die Tapferkeit. Die triebhaften finden sich im unteren Stand wieder und werden, wenn sie sich die M\u00e4\u00dfigung als Tugend zu eigen machen, Handwerker, Bauern oder H\u00e4ndler.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun beschreibt Platon, wie sich der Staat von der Aristokratie, in der die Philosophen herrschen, zur Timokratie wandelt. In dieser sind die Siegreichen, T\u00fcchtigen und Ehrgeizigen an der Macht. Danach folgt mit der Oligarchie die Herrschaft der Reichen und des Geldes. Der Verfall der Oligarchie f\u00fchrt schlie\u00dflich zur Demokratie, welche Platon als Herrschaft der Willk\u00fcr bezeichnet und sagt, dass sie sich selbst als Staatsform der Freiheit ansieht. Zusammenfassend kann man den Inhalt der B\u00fccher VIII und IX auf folgende Weise darstellen:<\/p>\n\n\n\n<p>In der Aristokratie herrschen die Weisheitsliebenden, die Philosophen. Es sind jene Menschen mit den besten Anlagen, weise und sch\u00f6n in K\u00f6rper und Seele, bescheiden und gen\u00fcgsam, was das Materielle anbelangt. Sie begehren die Weisheit nicht getrennt voneinander in einzelnen Teilen, sondern zusammenh\u00e4ngend im Gro\u00dfen und Ganzen. Das Einfache, \u00fcberzeitlich Seiende, das sich niemals \u00e4ndert, k\u00f6nnen sie sehen, wohingegen sich Nichtphilosophen nur mit der Mannigfaltigkeit der ver\u00e4nderlichen Einzeldinge befassen. Das Allgemeing\u00fcltige bleibt den Nichtphilosophen, dem zweiten und dritten Stand, unzug\u00e4nglich, und dadurch sind die Menschen dort orientierungslos. So wie die Philosophen dem ersten Stand angeh\u00f6ren, finden sich im zweiten Stand die Krieger und W\u00e4chter des Staates \u2014 Milit\u00e4r und Polizei. Sie zeichnen sich durch St\u00e4rke, aber ebenso auch durch Weisheit aus. So k\u00f6nnen die W\u00e4chter eingreifen, wenn die weniger weisen B\u00fcrger vom rechten Weg abgekommen sind. Das \u00fcbrige Volk sind Handwerker, Bauern und H\u00e4ndler. Es herrscht Arbeitsteilung: Jeder tut, was er am besten kann und dient so der Gemeinschaft. Zugleich erh\u00e4lt jeder, was er ben\u00f6tigt, um seine Aufgabe im Staat bestm\u00f6glich verrichten zu k\u00f6nnen. Das jedoch hei\u00dft nicht, dass jeder das gleiche bekommt. Denn zugeteilt wird nach Bedarf. Ihre Weisheit bef\u00e4higt die Philosophen dazu, den Bedarf zu erkennen, einzusch\u00e4tzen und entsprechend dem Stand und der Aufgabe zuzuteilen. Wenn der Staat von f\u00e4higer Hand regiert wird, ist ein jeder damit zufrieden. Niemand begehrt ein anderer zu sein oder zu erhalten, was ein anderer erh\u00e4lt. Jeder kann sich seiner Anlage entsprechend ganz und zum bestm\u00f6glichen entfalten. Denn darin liegt die gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcckseligkeit \u2014 dass sich die Anlage frei entfaltet. Der Vogel will keine Ziege hervorbringen, und die Ziege keinen Vogel, sondern der Vogel ist gl\u00fccklich darin, ein gesunder Vogel zu sein, und die Ziege empfindet Gl\u00fcck darin, eine gesunde Ziege zu sein. Und so ist der gesamte Staat gesund und gl\u00fccklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn aber unter den Herrschenden einige ihre Bescheidenheit und Gen\u00fcgsamkeit verlieren, werden sie eifers\u00fcchtig werden und darum streiten, wer der Beste ist. Dies geschieht, wenn die alten unachtsam geworden sind und der Jugend zu fr\u00fch die Dialektik weitergeben. Denn die Jugend neigt zu Wettk\u00e4mpfen, will sich miteinander messen und zu \u00fcbertrumpfen versuchen. Der Philosophie und Weisheit wird es jedoch schaden, sie auf diese Art zu betreiben. Daher soll man sie erst nach dem drei\u00dfigsten Lebensjahr, wenn sie charakterlich gefestigt sind, die Dialektik lehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Andernfalls wird kommen, dass die Ehrgeizigen die Regierenden sind. Diese jedoch werden nicht gen\u00fcgsam sein, sondern sich weiterhin zu \u00fcbertrumpfen versuchen. Auf diese Weise werden sie Preise erringen und sie ehrenvoll zum Wohle der Gemeinschaft verwenden. Sie werden mit ihren Siegen und guten Taten prahlen. Und sie werden nicht mehr die f\u00e4higsten Nachkommen aus ihrer Mitte zu Regierenden machen, sondern ein jeder wird versuchen, seinen eigenen Nachwuchs danach zu verhelfen. Denn sie sind hungrig nach Ruhm und Ehre. Diese Staatsform ist die Timokratie \u2014 die Herrschaft der Ehrgeizigen, T\u00fcchtigen, Besitzenden und Angesehenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige werden versuchen, die Preise einzubehalten, wenn keiner hinsieht. Ihre Kammern werden sich mit Reicht\u00fcmern anf\u00fcllen, denn unbemerkt verbrauchen k\u00f6nnen sie die Gewinne zumeist nicht. Auch ist die Sitte noch stark genug, sie davon zur\u00fcckzuhalten. Aber allm\u00e4hlich wird die Gesellschaft auf diese Weise in arm und reich gespalten. Die Reichen werden immer \u00fcberheblicher werden. Zum Schein werden sie noch immer einen Teil ihres Verm\u00f6gens f\u00fcr die Gesellschaft einsetzen \u2014 aber nicht aus ehrwerten Motiven, sondern nur noch aus Sorge, den Rest zu verlieren. Sie sind geizig und geldgierig geworden, und einjeder schielt auf das Verm\u00f6gen der anderen und h\u00fctet sein eigenes, um es zu vererben. Sie sch\u00e4tzen das Geld und sie ehren die Reichen f\u00fcr ihre Reicht\u00fcmer allein, wo in der Timokratie der Sieger f\u00fcr seine guten Taten noch geehrt wurde. So ist aus der Timokratie die Oligarchie geworden \u2014 die Herrschaft der Reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wo es Reiche gibt, da gibt es auch Arme. Es ist die Natur der Sache, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer \u00e4rmer werden. Das Ausma\u00df der Armut wird wachsen, und die Verelendung ebenso. So spalten sich dann die Armen in zwei Lager \u2014 die einen sind wehrhaft, die anderen schutzlos. Die wehrhaften Armen werden zu Verbrechern und Betr\u00fcgern. Sie verdienen ihr Brot, indem sie die Reichen bestehlen, ausrauben oder betr\u00fcgen. Den schutzlosen Armen bleibt nur das Betteln, und oft werden sie des Hungers sterben. Es herrscht Feindseligkeit zwischen armen und reichen Menschen, die in einen B\u00fcrgerkrieg m\u00fcndet. Wenn die Armen wegen der immer weiter fortschreitenden Dekadenz der Reichen diesen Kampf gewinnen, errichten sie die Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Oftmals sind es die f\u00e4higsten Verbrecher und Betr\u00fcger, die in der Demokratie herrschen. Es sind in jedem Falle aber die wehrhaften Armen, die von den Reichen nehmen und einen Teil der Beute an die schutzlosen Armen verteilen. Man kann sagen, dass niemand mehr herrscht, au\u00dfer der Willk\u00fcr. Die Willk\u00fcr nennen sie aber f\u00e4lschlicherweise die Freiheit in der Demokratie. Gemeint ist aber, dass sich einjeder seiner tierischen Triebe hingeben kann und die Sittengesetze abgeschafft sind. Arme und Reiche sind gleicherma\u00dfen dekadent. Die Reichen beschleunigen diese Tendenz zu den Trieben sogar noch, weil es ihnen hilft, ihren Reichtum zu vermehren. Es ist n\u00f6tig, dass die Armen den dekadenten Lebensstil der Reichen nachahmen, damit die Armen Geld ausgeben und die Reichen Geld verdienen k\u00f6nnen. Die Demokratie verwirft so alle Sitten und ein jeder darf leben wie er will. So gibt es dann auch keinen einheitlichen gesunden Staat mehr, sondern eine Ansammlung einzelner Menschen. Jeder ist anders und verschieden; jeder ist ein Staat f\u00fcr sich. So kommt es auch, dass manch einer die Demokratie als die sch\u00f6nste Staatsform bezeichnet, weil sie so bunt ist und es Freude bereitet, diese Vielfalt anzuschauen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei alledem darf man eines nicht vergessen \u2014 der Staat ist bunt, aber keineswegs gesund. Die Anlagen des einzelnen Menschen k\u00f6nnen sich nicht g\u00e4nzlich entfalten. Wie soll einer den Grat an k\u00f6rperlicher und geistiger Wohlgeratenheit erlangen, den er haben k\u00f6nnte, wenn er einen verw\u00f6hnten Gaumen hat und seichter Literatur fr\u00f6hnt? Zu Beginn sind es die Reichen, und die Armen sind anfangs durch die Herrschenden vers\u00f6hnt. Allerdings werden die Herrschenden immer verw\u00f6hnter \u2014 wie letztendlich die gesamte Gesellschaft. Sie nehmen den Reichen immer schamloser einen immer gr\u00f6\u00dferen Anteil ihrer Reicht\u00fcmer ab, und geben einen immer kleineren Bruchteil an die Armen weiter. Das Funktionieren dieses Systems aber ist es, womit die Demokratie steht und f\u00e4llt. Reiche und Arme sind gleicherma\u00dfen dekadent, und die Regierenden weisen ihnen gegenseitig die Schuld an der Lage zu, um von sich selbst abzulenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sollte sich da nicht der Reiche nach der Oligarchie zur\u00fccksehnen, und wie sollte ein geschickter Redner nicht die Armen gegen dieses Gesindel der Reichen und Herrschenden aufhetzen k\u00f6nnen? So p\u00e4ppelt sich das einfache Volk einen gro\u00dfen m\u00e4chtigen Befreier auf \u2014 einen, der beobachtet hat, dass die Armen nicht zu schwach sind, sich zu wehren, sondern dass sie zu dumm sind, die T\u00e4uschung zu durchschauen. Es ist einer, der sie aufhetzt, auf dass er von ihnen zum Anf\u00fchrer auserkoren werde. Aber seine Aufgabe ist unm\u00f6glich, obgleich er den besten Willen hat. Am Anfang wird er das Verm\u00f6gen des Staates verscherbeln m\u00fcssen, um das Vertrauen des einfachen Volkes zu gewinnen. Sein Dilemma ist es, dass er die gesamten Unf\u00e4higen um sich herumgeschart hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Demokraten war es gelungen, F\u00e4hige und Unf\u00e4hige zu vers\u00f6hnen und beide an sich zu binden. Dem Tyrannen gelingt dies nicht. Der Tyrann muss alle F\u00e4higen, Gro\u00dfen, M\u00e4chtigen, Reichen, und sonst wie N\u00fctzlichen seines Staates vertreiben oder t\u00f6ten, ob er will oder nicht, damit er sicher ist, und niemand da ist, der f\u00e4hig w\u00e4re, ihn zu st\u00fcrzen. Er f\u00fchrt einen Krieg gegen alle F\u00e4higen und muss trotzdem die Unf\u00e4higen ern\u00e4hren. Wenn das angesammelte Staatsverm\u00f6gen aufgebraucht ist, muss er die F\u00e4higen und T\u00fcchtigen r\u00fccksichtslos ausnehmen. Wenn sie wiederum get\u00f6tet oder geflohen sind, muss er Krieg mit seinen Nachbarn f\u00fchren. Er muss Kriegsbeute machen, um die hungrigen M\u00e4uler der vielen Unf\u00e4higen zu stopfen, die weder selbst Ackerbau betreiben k\u00f6nnen, noch wirklich geeignet sind, f\u00fcr ihn die Schlachten zu gewinnen. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Tyrannis an ihrer Unf\u00e4higkeit scheitert. Die Tyrannis ist ein Ausbluten des Staates an Ressourcen, an f\u00e4higen K\u00f6pfen und an f\u00e4higen K\u00f6rpern. Der Staat wird von allem, das Hoffnung spenden k\u00f6nnte, ges\u00e4ubert und erliegt schlie\u00dflich seiner Krankheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Ein Staat braucht das gemeinsame Zusammenwirken seiner Menschen, um als solcher bestehen zu k\u00f6nnen. \u00c4ndern sich deren Bed\u00fcrfnisse oder die inneren und \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde, organisiert er sich um oder kommt zu Fall. 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