Als sich die Tagesschau am 31. März 2022 der Q-Anon-Verschwörungstheorie annahm, geschah das aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Intention, die Ausbreitung rechtsextremer Narrative stoppen zu wollen. Der Bericht hat einen sehr schmalen Betrachtungswinkel, bewegt sich innerhalb des bekannten Rechts-Links-Antagonismus und wirkt wie ein Gegenangriff im Kampf um die Deutungshoheit. Dass Verschwörungstheorien auch etwas Wahres enthalten könnten, vielleicht auch nur sehr wenig, dafür aber bedeutsame Verquickungen und hochkriminelle Verstrickungen, wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Was aus einer bestimmten Ecke herausgerufen wird, ist nach Auffassung dieser Leute also grundsätzlich immer falsch — weil eben alles falsch ist, was aus dieser Richtung kommt oder gewisse Ähnlichkeiten mit dortigen Erzählungen aufweist.
In gewisser Weise kann damit auch das Hinweisgeberschutzgesetz konterkariert werden. Ein “Whistleblower“, der vielleicht doch etwas unanständiges gesehen hat, wird bei dieser medialen “Aufklärung“ sofort als unglaubwürdig angesehen, wenn sich seine Beobachtungen mit einer solchen Verschwörungstheorie decken. Vielleicht hält man ihm sogar vor, Rechtsextremisten auf dem Leim gegangen zu sein oder diagnostiziert eine psychische Störung. Der schöne Schein, an dessen Aufrechterhaltung viele Journalisten gern mitwirken, bleibt jedenfalls gewahrt, und die Untaten hinter der Fassade können ungestört weitergehen. In diesem Sinne arbeiten auch die „Faktenfinder“.
https://www.tagesschau.de/faktenfinder/qanon-faq-101.html
Die Tagesschau berichtete über den Mythos einer dunklen, geheimen Elite, die die USA mittels des „tiefen Staates“ unter Kontrolle gebracht haben soll, über angebliche Protagonisten aus Politik, Medien und Unterhaltung, denen satanistische, sadistische und pädophile Handlungen unterstellt werden, und kommt zu dem Ergebnis, dass sich bisher keine der Q-Anon-Prophezeiungen bewahrheitet haben. Damit ist der Fall für die „Faktenchecker“ abgeschlossen, und es bedarf keiner weiteren Recherche hierzu. Q-Anon knüpft nämlich nur „an bestehende Ressentiments an — beispielsweise gegen Medien und sogenannte Eliten“. Den Medien ist also nichts vorzuwerfen, die sogenannten Eliten, welche über geheime Kanäle miteinander in Kontakt stehen, gibt es nicht, und die pädophilen Handlungen sind nichts weiter als bösartige Behauptungen, möchte man damit sagen.
Doch nun, nach Veröffentlichung zahlreicher Akten im Fall Epstein, muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine für ihn unangenehme Kehrtwende vollziehen. In der Sendung „Tacheles“ vom 7. Februar 2026 bei Deutschlandfunk Kultur war plötzlich von einem „Sammelsurium des Grauens“ und einem „elitären Netzwerk“ die Rede. Man stehe vor der Frage, wie mit Verschwörungstheorien umzugehen ist, die „zum Teil sich als mutmaßlich richtig herausgestellt haben“. Nur sehr zaghaft wagt sich der ÖRR an das Thema heran, und die Widersprüche zu früheren Beiträgen fallen deutlich ins Auge. Nun wird über ein „Netzwerk von Machteliten“ berichtet und das „Sittengemälde einer verkommenen globalen Elite“ beschrieben. Eine „verkommene globale Elite“ wäre vor zehn Jahren beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk undenkbar gewesen.
Man könnte daraus schlussfolgern, die „Faktenchecker“ sind gar keine solchen, sondern politische Aktivisten, die den Zusammenbruch eines Weltbildes fürchten, zu dem auch ihre Ansichten von gut und böse gehören. Vielleicht wären sie dann völlig orientierungslos und hätten nichts, was ihnen noch Halt böte. Besser wäre also ein neuer Grundsatz im Umgang mit Fakten: Es gibt niemanden, der immer Recht hat, und keinen, der immer falsch liegt.

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