Eigentlich hätte die SPD wissen müssen, dass sich ihre Ergebnisse weiter verschlechtern. Abgeordnete der Partei kommen bei Wahlkampftouren mit verschiedenen Leuten ins Gespräch; Lokalpolitiker betonen immer wieder, wie nah man bei den Menschen vor Ort sei. Spätestens an den Informationsständen erfahren die Sozialdemokraten, was die Menschen wirklich bewegt. Doch das wurde offensichtlich ignoriert. Anders sind die beiden jüngsten Wahlniederlagen indem übergeordneten Abwärtstrend nicht zu erklären. Die Partei verliert immer mehr Wählerstimmen und zieht anschließend die falschen Schlüsse.
In ihrer früheren Kernklientel liegt der Anteil der SPD-Wähler bei nur noch 10 %. Die neue Arbeiterpartei heißt AFD. Zwischen den roten und blauen gibt es einen wesentlichen Unterschied im Umgang mit den Wählern. Die SPD versucht, den Leuten i h r e Sichtweise auf die Probleme der Zeit beizubringen, während die AFD die Ansichten der nicht mehr politisch vertretenen Menschen dankbar aufgreift, ohne zu korrigieren oder zu belehren. Dieses Empfinden ist von entscheidender Bedeutung und beschleunigt bei der SPD die Abwanderungsdynamik.
Die Sozialdemokraten nehmen die Anliegen ihrer früheren Kernzielgruppe nicht auf, sondern setzen Themenschwerpunkte, die kaum etwas mit der Lebensrealität des arbeitenden “kleinen Mannes“ zu tun haben. Nichts von dem, womit SPD-Bürgerbüros an ihren Schaufenstern werben, beschäftigt die abgewanderten Wähler so sehr, dass sie zurückkommen würden. Einiges schreckt sie sogar ab. Die Partei ist nicht mehr imstande, ihre abgeschlossene Blase zu verlassen. Der durchschnittliche Berufstätige findet sich nicht nicht mehr im Mittelpunkt der Betrachtung. Umfragen zufolge wird die SPD überwiegend als Partei der Transferleistungsempfänger wahrgenommen. Diejenigen, die das System unter großem Ächzen finanzieren, fühlen sich jedenfalls nicht vertreten.
Nun versucht die SPD, ihrer Zielgruppe die Umverteilungsidee näher zu bringen. Es wird ein Konflikt zwischen arm und reich gezeichnet. Doch in der Wählerschaft, außerhalb der linken Blase, gibt es kein Ungerechtigkeitsempfinden, bei dem Arbeiter und Millionäre einander gegenüberstehen. Die früheren SPD-Anhänger beschäftigt eher das Missverhältnis zwischen System-Einzahlern und Begünstigten in ihrem sozialen Umfeld, die Belastung der Leistungsträger und Verwendung der erarbeiteten Steuergelder und der erlebte Wandel im Stadtbild. Möchten die Sozialdemokraten ihre eigenen Überzeugungen mitsamt der Umverteilungsidee implementieren, laufen sie Gefahr, beim nächsten Wahlkampf mit ihren Informationsständen als Linksmissionare wahrgenommen zu werden.
Ein weiteres Problem ist die Besetzung. Noch will die SPD trotz ihrer Misserfolge keine personellen Konsequenzen ziehen. Man beschäftigt sich mit einer strategischen Neuausrichtung, ohne etwas an der Führungsebene ändern zu wollen. Doch werden die Wähler von denselben Politikern plötzlich stark nach links mobilisiert, löst das noch mehr Befremden aus. Immerhin ist diese politische Position bereits besetzt. Etwas später wird der Linksruck der SPD innerhalb der Regierung auch zu Problemen mit der Union führen. In dieser Dynamik gibt es wieder nur einen Gewinner — die AFD.

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