Um den Wohlstand in Deutschland zu halten, soll mehr und länger gearbeitet werden. Bundeskanzler Friedrich Merz würde hierfür am liebsten das Arbeitszeitgesetz abschaffen. Den Acht-Stunden-Tag empfindet er als nicht mehr zeitgemäß. Die Betriebsparteien und Tarifvertragsparteien könnten alles regeln, was der Gesetzgeber nicht regeln müsse, ist er überzeugt.
Merz hat offenbar genau jene Menschen im Blick, die sowieso schon viel arbeiten. Denn ginge es um Beschäftigte, die täglich vier Stunden irgendwo tätig sind, müsste die Begrenzung nicht aufgehoben werden. Wäre nur die Flexibilität ausschlaggebend, würde sich die Forderung nach „mehr und länger“ nicht erfüllen.
Da Firmen stets daran interessiert sind, die Personalkosten niedrig zu halten, ist es realistischer, anzunehmen, dass eine höhere Arbeitslast auf weniger Köpfe verteilt werden soll. Somit steht auch der Arbeitsmarkt vor einer Zeitenwende. Die Acht-Stunden-Regelung wurde einst eingeführt, um Menschen vor Ausbeutung zu schützen und einer breiten Bevölkerungsschicht die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Denn nach der Lohnarbeit beginnt für viele nicht etwa die Freizeit, sondern der Dienst an der Familie, die ursprünglich auch mehrere Kinder umfasste. Lässt sich all das nicht mehr mit dem Beruf vereinbaren, werden sich tendenziell noch mehr Menschen gegen eine Familie und Kinder entscheiden, denn die wirtschaftlichen Verhältnisse werden schwieriger. Die Folge wäre eine stark abfallende Geburtenrate.
Die Frage ist nun, welche Folgen gelockerte Arbeitszeiten haben, wenn sich der Arbeitsmarkt durch KI und Automatisierung bald deutlich verändern wird. 5000 Verkäufer, Buchhalter, Lageristen und Konstrukteure müssen nicht zu mehr Arbeit herangezogen werden, wenn der Firmenchef die Möglichkeit hat, sie durch Automatisierung weitgehend zu ersetzen oder die Produktion ins Ausland zu verlagern. Gewinne lassen sich nur steigern, wenn die Lohnkosten gesenkt und die Stückzahlen in der Produktion erhöht werden können. Das ist der wesentliche Grund für den Einsatz von Maschinen und Roboter.
Bei gelockerten Arbeitszeiten besteht im angehenden KI-Zeitalter also eher die Gefahr, dass nur noch sehr wenige Menschen für die Wirtschaft relevant sind — und zwar jene, die mit der Technologie gewissermaßen mitschwingen, und sonst an nichts gebunden sind. Alle anderen dürften sich bestenfalls in einem prekären Dienstleistungsbereich wiederfinden, umworben vom Militär, welches “Aufstiegsmöglichkeiten“ anbietet.

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