Bundeskanzlerin a. D. Dr. Angela Merkel ist schockiert über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt und zugleich besorgt, dass die AFD viele Menschen über eine emotionale Sprache jenseits der Fakten erreiche. Es wäre ein zivilisatorischer Rückschritt, wenn das Gefühl wichtiger werde als die Fakten, meinte sie am 8. September 2026 bei der Digitalmesse in Köln. Man müsse eine eigene Geschichte erzählen, aus der heraus sich von allein ergebe, dass man mit der AFD überhaupt nichts zusammen machen kann.
Die studierte Physikerin geht offenbar davon aus, dass es zwischen der Regierung und den einfachen Bürgern ein ähnliches faktenorientiertes Zusammenwirken geben müsste wie zwischen leitenden Wissenschaftlern eines Instituts und den dort arbeitenden technischen Assistenten und Studenten. Es werden Ziele ausgegeben, Daten bereitgestellt; der wissenschaftliche Nachwuchs stimmt sich ganzheitlich auf die vorliegenden Zahlen ein und ist froh, Teil dieses Hauses sein zu dürfen.
Doch der Staat in seiner Gesamtheit, einschließlich der Bürger, ist keine wissenschaftliche Einrichtung. Wer auf viele Wählerstimmen hofft, muss die das tägliche Leben bestimmenden Fakten ins Blickfeld nehmen. Was kostet die Heizung, der Strom, das Auto? Wie hoch ist die steuerliche Belastung? Diese nahen Fakten schaffen Emotionen und entscheiden über das Kreuz auf dem Wahlzettel. Wer die Last zu nehmen verspricht, erhält umso mehr Zuspruch, je erdrückender sie wird.
Merkel hat vergessen, dass es schon immer so war, und dass die breite Basis einer Gemeinschaft nicht aus Akademikern besteht. Wüsste sie das, wäre sie nicht schockiert. Negative Fakten wirken zuerst in den unteren, dann in den mittleren Bevölkerungsteilen, verbreiten sich deutlich schneller als positive, und werden aus heiterem Himmel heraus keine positiven Emotionen hervorrufen. Auch das ist keine Neuigkeit. Sie, ihr Nachfolger und ihre Partei haben verlernt, damit umzugehen. Die ausgebildete und promovierte Wissenschaftlerin erwartet stattdessen, dass die Bürger genauso vorgehen, wie es etwa Physiker tun würden, Zahlen, Daten, Fakten implementieren und sich entsprechend neu aufstellen. Aber so funktioniert die Gesellschaft nicht. Emotionen werden immer eine große Rolle spielen.
Die Ausführungen zur Erreichbarkeit der Menschen lassen ebenfalls den Schluss zu, dass es den etablierten Parteien nicht gelingen wird, die AFD einzubremsen. Demokratische Parteien müssten sich stärker darauf einlassen, wie Menschen heute Informationen aufnehmen, sagte sie und nannte Tiktok als Beispiel. Demnach wurden aus ihrer Sicht lediglich die falschen Kommunikationswege genutzt. In der Altkanzlerin sitzt nach wie vor der Gedanke, man brauche nur dorthin gehen, wo sich die meisten Menschen heutzutage aufhalten, und könne dann zum zweiten Schritt übergehen: Die Politik müsse klar sagen, was man für das Land wolle und konkrete Ziele benennen, ist Merkel überzeugt. Damit weist sie dem Volk wieder die Rolle von technischen Assistenten und Studenten zu, denen man nur noch einmal die Fakten besser vermitteln müsse.
Getragen wird die Vorstellung, man könne die Menschen zurückgewinnen, und den bisherigen Kurs im Wesentlichen beibehalten, von einer falschen Grundannahme: Die AFD manipuliert die Wähler mit Ängsten und setzt ihnen dann ihre Gedanken in den Kopf. Dieser Irrtum wird eher zu weiteren Dezimierung der Union führen und den Eindruck verstärken, sie ignoriere den Wählerwillen und stelle die Realität auf den Kopf. Denn die beanstandeten Gedanken kommen mitnichten von der AFD, sondern beruhen auf Grundeinstellungen, die seit vielen Jahrzehnten fester Bestandteil einer breiten Bevölkerungsschicht sind.

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