Ein Blick auf den Bierkonsum in Deutschland zeigt einen deutlichen Wandel: Seit Jahrzehnten geht der Verbrauch kontinuierlich zurück. Lag der Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr der Wiedervereinigung 1990 noch bei rund 143 Litern jährlich, waren es 2025 nur noch etwa 84 Liter. Gründe dafür gibt es viele – ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein, insbesondere bei jüngeren Generationen, veränderte Trinkgewohnheiten und nicht zuletzt gestiegene Preise. Ein Blick zurück in die Geraer Geschichte zeigt jedoch ein völlig anderes Bild: Im Jahr 1656 soll der Pro-Kopf-Verbrauch bei erstaunlichen 560 Litern Bier gelegen haben. Bier gehörte damals zum Alltag und war weit mehr als nur ein Genussmittel. Doch woher wusste man eigentlich, in welchem Haus gerade Bier ausgeschenkt oder verkauft wurde? Hier kam eine besondere Geraer Tradition ins Spiel: die Bierstange.
Um ihre Bedeutung zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück auf das Brau- und Schankrecht in Gera. Schon im ältesten erhaltenen Stadtrecht Geras von 1487 war festgelegt, dass jeder Bürger und jede Bürgerin, die innerhalb der Stadtmauern ein Haus besaßen, Bier brauen durften. Wie viel gebraut werden durfte, richtete sich nach der Größe des jeweiligen Hauses. Die erlaubte Menge lag zwischen 40 und 400 Litern pro Jahr. Das gebraute Bier war jedoch nicht allein für den eigenen Haushalt bestimmt. Die Hausbesitzer waren zugleich verpflichtet, einen Teil davon auszuschenken. Damit dabei niemand benachteiligt wurde, entstand der sogenannte „Reiheschank“. Das Recht zum Ausschank wechselte nach einer festgelegten Reihenfolge von Haus zu Haus. Wo gerade Bier ausgeschenkt wurde, zeigte ein an der Hausfassade angebrachtes Bierzeichen beziehungsweise eine Bierstange an. Die hier gezeigte Bierstange aus dem Stadtmuseum Gera besitzt Blechverzierungen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Das Schriftwerk hingegen stammt aus dem 19. Jahrhundert. Auf diese weithin sichtbaren Zeichen soll auch die Redensart „Such, wo der liebe Gott den Arm herausstreckt!“ zurückgehen. Doch auch der „Reiheschank“ unterlag festen Regeln. So durfte jeweils nur in neun Häusern gleichzeitig Bier angeboten werden. Daneben gab es öffentliche Gasthäuser und Gastwirtschaften, die ebenfalls zum Ausschank berechtigt waren. Bier hatte damals allerdings einen anderen Stellenwert als heute. Es galt nicht nur als Genussmittel, sondern gehörte zu den alltäglichen Grundnahrungsmitteln. Man trank es zu den Mahlzeiten oder nahm es in Form von Biersuppen zu sich. So erklärt sich auch der eingangs erwähnte Pro-Kopf-Verbrauch von erstaunlichen 560 Litern Bier im Jahr. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Geraerinnen und Geraer ständig betrunken waren. Ein großer Teil des täglich konsumierten Bieres war sogenanntes Dünnbier und enthielt deutlich weniger Alkohol als die heute üblichen Biersorten. Stärkeres Bier hingegen war auch damals eher ein Genussmittel, denn die berauschende Wirkung des Bieres wusste man durchaus zu schätzen.
Die Bierstange erzählt damit nicht nur von den früheren Trinkgewohnheiten, sondern auch von einem besonderen Stück Geraer Stadt- und Alltagsgeschichte. Und diese Tradition ist keineswegs vollständig verschwunden. Auch heute noch ist die Geraer Bierstange ein wichtiges Symbol, das Geschichte, Tradition und Gastfreundschaft miteinander verbindet. Zwar zeigt sie längst nicht mehr an, wo in der Stadt Bier ausgeschenkt oder erworben werden kann, doch ihre Bedeutung ist bis heute erhalten geblieben. Alljährlich zum Höhlerfest wird die Bierstange als Wanderpokal an einen besonders gastfreundlichen Gastronomiebetrieb der Stadt Gera verliehen. Wer die begehrte Auszeichnung in diesem Jahr erhält, erfahren wir schon an diesem Wochenende. Vom 2. bis 4. Oktober 2026 feiert Gera bereits das 35. Höhlerfest. In diesem Jahr gibt es gleich noch einen weiteren Anlass zum Feiern: 789 Jahre Stadtrecht, die unter anderem mit einem großen Festumzug gewürdigt werden. Wir dürfen also gespannt sein, welches Geraer Restaurant die Bierstange in diesem Jahr entgegennehmen und den traditionsreichen Wanderpokal für ein Jahr sein Eigen nennen darf.
TEXT: TABEA HASAN, STADTMUSEUM

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