Zwei expansive Großmächte dehnen ihren Einflussbereich soweit aus, bis der Kampf um den als Abstandhalter fungierenden Zwischenraum in eine heiße Phase übergeht. Russland sieht den Westen gefährlich nahe heranrücken und möchte sich seine Entwicklungspotenziale nicht nehmen lassen. Man könnte Putin, Lawrow und Medwedew fragen, wie sie sich das Land in zwanzig Jahren vorstellen — oder auch westliche Entscheidungsträger in Bezug auf die EU.
Das Problem am Übergang zwischen Russland und dem Westen ist die territoriale Konstellation. Sie erzwingt die Frage, wer den Korridor, der durch den Zerfall der Sowjetunion entstanden ist, kontrolliert. In diesem um Russland verlaufenden Bereich befinden sich wichtige Handelswege. Eine stabilere Situation ergäbe sich durch kleinere souveräne Staaten, die keinem der beiden Machtblöcke angehören und eine gewisse Durchlässigkeit ermöglichen, verbunden mit einem Abkommen über Nichteinmischung. Direkte Grenzen zwischen zwei grundverschiedenen Systemen sind in der Regel unüberwindbare Hindernisse und haben eine abschirmende Wirkung. Es werden Mauern und Stacheldrahtzäune errichtet wie zwischen Nord- und Südkorea.
Ohne konkrete Festlegungen für den Korridor besteht fortwährend die Gefahr, dass eine wirtschaftliche Expansion in eine territoriale mündet. Vergleichbar ist die Situation mit zwei großen Unternehmen, die unvereinbare Leitbilder haben und durch eine belebte Straße voneinander getrennt sind. Wer sich die Straße einverleibt, kontrolliert auch den Zugang zu dem anderen Unternehmen. Putin hat das Gefühl, vom Westen getäuscht worden zu sein und vollzog eine radikale Kehrtwende. Nun beeilt er sich, die Ukraine unter Kontrolle zu bringen. Der nächste Vorstoß wird für den kommenden Winter erwartet.
In der Geopolitik gibt es den Begriff der wirtschaftlichen Strangulation. Verstanden wird darunter das gezielte Kappen der wirtschaftlichen Lebensadern eines Staates, um ihn vom Weltmarkt zu isolieren und die Staatsfinanzen zu ruinieren. Der Westen stand immer im Verdacht, diese Taktik anzuwenden, um sich die Vorherrschaft zu sichern. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte Putin zum Ende des Krieges auf, brachte aber keinen Vorschlag für das geostrategische Dilemma mit.

Kommentar hinterlassen