Auf den ersten Blick haben die anstehenden Halbzeitwahlen in den USA nichts mit Deutschland zu tun. Doch weil in den Vereinigten Staaten häufig der Beginn eines neuen Trends liegt, gehen die Blicke nun wieder in diese Richtung. Denn überall dort, wo rechts-konservative Politiker frühzeitig Wahlen gewannen, zeichnet sich, abgesehen von wenigen Ausnahmen, ebenfalls eine gewisse Unzufriedenheit bzw. Ermüdung ab. In den USA zeigen Umfragen deutlich sinkende Zustimmungswerte für Donald Trump. Wirtschaft und Wohlstand kehren nicht in der Weise zurück, wie es sich die Wähler erhofft hatten. Es gibt erste Signale, die einem veränderten Wahlverhalten zeitlich vorauslaufen.
Die Verfechter des Leistungsprinzips teilen ihrer Wählerschaft im Grunde mit, dass sie mehr arbeiten muss. Eine Steigerung der Produktion, um mehr exportieren, das Handelsdefizit verringern und Schulden abbauen zu können, erfordert große Anstrengungen. Auch in Deutschland fordern konservative Kreise eine Steigerung der Arbeitsleistung, um den Wohlstand zu halten. Äußerungen dieser Art rufen jedoch enormen Unmut hervor, wie auch Bundeskanzler Friedrich Merz erfahren musste.
Der Ansatz der Republikaner bzw. der Konservativen in Deutschland, die Wirtschaft und die Exporte zu stärken, führt wegen des internationalen Konkurrenzkampfes auch aus Sicht vieler Ökonomen zwangsläufig dazu, dass mehr gearbeitet werden muss. Dem Vorsprung des fernen Ostens liegen immerhin Arbeitszeiten zu Grunde, die stark vom hiesigen Acht-Stunden-Model abweichen.
Die linke Politik benennt hingegen eine Wohlstandsquelle, für die aus Sicht vieler Wähler nicht mehr gearbeitet werden muss. Es sind die Reichen. Die Vorstellung, vorhandenes Geld einfach zu nehmen, könnte in letzter Konsequenz, wenn die persönliche finanzielle Not größer ist denn je, attraktiver erscheinen als die Aussicht, mehr arbeiten zu müssen.
Ab einem gewissen Punkt im weiteren Werdegang kann deshalb ein Gegenschwenk nach links folgen. Die Wahlen in den USA sind ein möglicher Frühindikator. Wenn Donald Trump den Menschen Geld in Aussicht stellt, damit sie die Republikaner wählen, ist das bereits ein Hinweis dafür, dass es ansonsten Wählerwanderungen in Richtung der Demokraten geben würde, die derzeit ersten Einschätzungen zufolge am Beginn einer Metamorphose stehen.
Zurück käme bei einem erneuten Wechsel nicht die Partei von Clinton und Obama, sondern eine deutlich weiter links ausgerichtete Vereinigung. Es sind bereits stärker werdende Bewegungen mit radikalen Ansichten erkennbar, die eine neue Gesellschaft und die Abkehr vom bisherigen System fordern. Zuwanderer spielen für die Schaffung von Mehrheiten inzwischen eine entscheidende Rolle. Es werden schnelle Einbürgerungen gefordert.
In Deutschland kann, falls sich die Annahme eines neuen Trends bestätigt und dieser sich verstärkt, die Union in besonderem Maße betroffen sein. Zeichnen sich perspektivisch für künftige Wahlen neue Mehrheitsoptionen ab, müsste sie schon vorher für einen möglichen Anschluss Änderungen an ihrem Programm vornehmen. Katrin Prien, die von der CDU gestellte Familien- und Bildungsministerin, forderte jüngst einen Richtungswechsel. Die CDU erscheint ihr zu konservativ. Wenn sie Volkspartei bleiben wolle, müsse sie die anderen Flügel der Partei wieder stärker beachten. Unter anderem brauche man eine bessere Integrations- und eine Willkommenskultur, sagte die Ministerin.
Gleichlaufend könnten auch KI und Automatisierung zum Schwenk nach links führen und einen bereits vorhandenen Trend verstärken. Arbeitende Menschen im heutigen Ausmaß werden nicht mehr benötigt; es entstehen Bedürftige in hoher Zahl, die ein Grundeinkommen fordern. Ein Richtungswechsel kann dabei sowohl durch neue Parteien eingeleitet werden, als auch durch bestehende, die sich in einer Umbruchphase programmatisch neu ausrichten.

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