STARKE GESELLSCHAFTLICHE VERWERFUNGEN

Sachsen-Anhalt bietet schon heute einen kleinen Ausblick auf die allgemein bevorstehende Entwicklung. Es droht ein eklatanter Vertrauensverlust, der von Wahl zu Wahl stärker im Parlament sichtbar wird. Das einst in sich ruhende Deutschland wechselt damit allmählich in eine Phase größerer Anspannungen. Der Grund ist eine wirtschaftlich immer stärker unter Druck geratene Gesellschaft, beginnend am unteren Ende, sich weiter fortsetzend über die Mitte bis nach oben. Das Vertrauen in Politik und Institutionen ist nur noch in den stabilen oberen Einkommensklassen hoch. Die Zweiteilung zeigt sich auch bei der Problemwahrnehmung: Gutverdiener ohne persönliche Existenzsorgen beschäftigen sich eher mit langfristigen Themen wie dem Klima, Geringverdiener mit kurzfristigen wie der nächsten Miete. Durch Zuwanderung in das angespannte Umfeld, teilweise mit Abneigungen gegen die hiesige Lebensweise, wird das Konfliktpotenzial noch größer.

Akute finanzielle Sorgen bringen es mit sich, dass kurzfristige Themen an Bedeutung gewinnen. Die politischen Konstellationen deuten aber nicht auf zeitnahe Lösungen hin. Vereinigen sich die Wahlverlierer zu einer Koalition gegen die AFD, droht Stillstand, weil es außer der Einigung auf eine Brandmauer keine Gemeinsamkeiten gibt. Der Vertrauensverlust in die etablierten Parteien setzt sich fort. Gewinnt die AFD mit absoluter Mehrheit, kommt es zu extremen Gegenreaktionen bis hin zu Anschlägen. In beiden Fällen ist keine konstruktive Zukunftsgestaltung möglich. Ohnehin sind die Vorstellungen von Zukunft zu unterschiedlich. Manche können einer „Vision 2045“ nichts abgewinnen, weil ihr Beruf, und damit die Grundlage ihrer wirtschaftlichen Existenz, darin nicht mehr vorkommt. Jede konkrete Richtung bereitet der anderen Seite Angst. Immer deutlicher offenbart sich ein Dilemma: Das Altbekannte lässt sich auch mit Gewalt nicht wieder herstellen, und die Visionen von der Zukunft sind nicht bezahlbar. Somit wird keine Partei ihre Ziele verwirklichen können.

Deutschland steht vor einem Problem, das unangenehme Entscheidungen nach sich zieht: Die Schuldenberge wachsen immer schneller; die Anzahl der Bürger, die imstande wären, die Lasten des Landes zu bewältigen, wird kleiner. Nur noch 10 % der Menschen in Deutschland sind zwischen 15 und 24 Jahre alt. Sie müssten mehr arbeiten und höhere Abgaben leisten. Doch diese Aussicht führt eher zu einer Umkehr des Wanderungssaldos, insbesondere mit Blick auf das drohende Ungemach: Der heute geführte Lebensstandard ist in seiner gesamten Breite längst nicht mehr gedeckt. Er fußt nicht auf einem soliden finanziellen Fundament, sondern auf einen stetig wachsenden Hohlraum. Wird dieser nicht bald mit handfesten Werten gefüllt, stürzt das ganze Gebilde ein. Deutschland ist kein Einzelfall. Doch wer anderswo etwas wegnimmt, löst ebenfalls Konflikte aus, wenn nicht sogar einen Krieg.

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