Die Fassungslosigkeit der anderen Parteien und vieler Prominenter über den Wahlsieg der AFD in Sachsen-Anhalt verdeutlicht einmal mehr die tiefe Entfremdung von der Lebenswirklichkeit eines großen Teiles der Bürger. Man ist zu weit entfernt von den im wahrsten Sinne des Wortes entscheidenden Menschen, schätzt den einfachen Durchschnittstypus als relativ unbedeutend ein und nimmt die wesentlichen Dynamiken daher viel zu spät wahr. So kommt am Ende des Tages das große Entsetzen zustande, was im Grunde nur eines bedeuten kann: Wer überrascht ist wie bei einem plötzlich hereinbrechendem Unwetter, hat keine Kenntnis davon, wie diese Gesellschaft im Ganzen funktioniert, welche Bindungselemente entscheidend sind und was sie auseinandertreibt.
Was für ein Wahlergebnis haben jene Leute, die von sich selber glauben, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen, erwartet? Die Tendenz war doch seit langer Zeit eindeutig. Ebenso hat sich an den Lebensumständen und Problemen vieler Menschen nichts geändert. Enttäuschte Wähler kommen auch dann nicht zu CDU, SPD, Linkspartei und den Grünen zurück, wenn man in Verbindung mit der AFD inflationär Formulierungen wie „gesichert rechtsextremistisch“ oder „in Teilen verfassungsfeindlich“ gebraucht. Das schreckt nicht ab, sondern ermuntert viele Nichtwähler geradezu, dann doch für die große Oppositionspartei zu stimmen.
Die etablierten Parteien glauben tatsächlich, ihre Stimmzahlen gingen nur deshalb zurück, weil man die eigenen Überzeugungen nicht gut genug vermittele und sich die Bürger von irrationalen Ängsten leiten ließen. Dabei sind die Ängste wohlbegründet. Deutschland hat ein umfassendes Sicherheitsproblem. Für viele Menschen der Mittelschicht geht es hier in erster Linie um die schwindende finanzielle Sicherheit, und mit Blick auf die unkontrollierte Einwanderung um die Sicherheit im Alltag. Ausländer aus gewissen Herkunftsländern begehen häufiger Gewalttaten als Deutsche und verunsichern die Städte. Das ist keine Erfindung der AFD. Wenn die Politik als Lösung Terrorsperren bei jeder größeren Veranstaltung und dazu Massenüberwachungen anbietet, fragen sich viele Menschen, ob sie diesen Weg tatsächlich weitergehen oder nicht lieber beenden wollen.
Wird sich die Situation nach der Wahl ändern? Eher nicht, denn die politische Ausgangslage lässt keinen tiefgreifenden Richtungswechsel zu. Die Parlamente gehen nun in eine Zeit der Instabilität über, die lange andauern kann. Es gibt keine klaren Mehrheitsfindungen, zerbrechliche Konstellationen, häufige Neuwahlen, keine vollendeten Legislaturperioden und einen weiter zunehmender Frust in der Bevölkerung. Gleichzeitig werden die Probleme immer gravierender, die Lebensumstände härter. Doch die rapide wachsenden Schulden lassen keine nennenswerten Entlastungen zu. Ein Weiterkommen im Land wäre in dieser Spannungsphase nur noch mit extremen Entscheidungen möglich, die jeder einzelne mittragen müsste. Hier wird die Demokratie wirklich an ihre Grenzen geraten.

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