Am 22. September 2026 wurde im Museum für Angewandte Kunst die Sonderausstellung zum 15. Aenne-Biermann-Preis für deutsche Gegenwartsfotografie feierlich eröffnet. Die Ausstellung präsentiert die von der Jury ausgewählten und ausgezeichneten fotografischen Arbeiten der diesjährigen Wettbewerbsausgabe.
Zur Eröffnung sprachen Dr. Hendrik Ziegenbein, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Gera-Greiz, Kulturamtsleiter Felix Eckerle, Dr. Verena Titze-Winter von der Sparkassen-Versicherung sowie Andrea Karle, Jurymitglied und Referentin der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen. Im Anschluss an die Grußworte wurden den Preisträgerinnen und Preisträgern ihre Urkunden überreicht. Damit wurden die Auszeichnungen im Rahmen der feierlichen Eröffnung offiziell gewürdigt, bevor die Ausstellung für das Publikum geöffnet wurde.
Mit insgesamt 548 Bewerbungen verzeichnete die 15. Edition die höchste Beteiligung in der Geschichte des Preises. Bewerbungen gingen aus ganz Deutschland ein. Erstmals wurde zudem die Unterkategorie „Amateurpreis“ eingeführt. Aus den eingereichten Portfolios zeichnete die Jury bei der finalen Jurierung am 21. April 2026 fünf Beiträge aus, die nun in der Ausstellung präsentiert werden.
Die ausgewählten und prämierten Werke greifen aktuelle politische und gesellschaftliche Themen auf. Sie befassen sich mit den Folgen der Abholzung für eine der letzten indigenen Gemeinschaften Europas, thematisieren häusliche Gewalt und die Rolle des Sichtbaren und des nicht Sichtbaren in fotografischen Aufnahmen. Sie zeigen analoge Fotografie als selbstbezogene Kunstform und den Wandel der Bildsprache im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung.
Die Preisträgerinnen und Preisträger Raisan Hameed, Martin Ruckert, Nora Schwarz, Benjamin Friedle und Anika Werk stehen mit ihren Werken dafür, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler heute auf gesellschaftliche Veränderungen, persönliche Erfahrungen und den Wandel des Mediums Fotografie reagieren.
PREISTRÄGER
I. Preis: Raisan Hameed
- geboren 1991 in Mosul, Irak
- Bild „After Image“
Mit „After Image“ führt der irakisch-deutsche Künstler Raisan Hameed zwei Bildarchive zusammen, denen visuelle Fehlstellen gemeinsam sind: Aufnahmen von Google-Street-View und Fotografien aus dem eigenen Familienarchiv. Dabei untersucht er insbesondere die visuellen Lücken, Störungen und Fragmentierungen in den Bildern. Während die Google-Street-View-Aufnahmen – welche Orte aus Hameeds Kindheit zeigen – von digitalen Fehlstellen wie Ladefehlern und Verpixelungen charakterisiert sind, wurden die analogen Familienaufnahmen 2003 während des Kriegs beschädigt und weisen somit analoge Schäden auf. In beiden Fällen werden die Bilder zu Trägern neuer Botschaften: Sie werden so zu Spuren von Krieg und technologischer Kontrolle, die zeigen, wie Sichtbarkeit erzeugt und zugleich eingeschränkt wird. Hameed macht aus persönlichen Spuren eine universelle Reflexion über Krieg, Migration, Erinnerung und technologische Kontrolle. Seine Bilder zeigen, dass Fotografie nicht nur bewahren, sondern ebenso von Verlust, Zerstörung und Abwesenheit erzählen kann.
Raisan Hameed studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB). Von Leipzig aus hat sich der Fotograf inzwischen international einen Namen gemacht. Seine Arbeiten sind derzeit an mehreren Orten zu sehen: Neben Gera stehen in den kommenden Monaten Ausstellungen in Utrecht, Lissabon und Berlin auf dem Programm.
II. Preis: Martin Ruckert
- geboren 1992 in Oschatz
- Bild „Baryt 2.57“
„Baryt 2.57“ widmet sich den verborgenen Fertigungsprozessen der analogen Fotografie. Die Bildreihe zeigt die sonst unsichtbaren Komponenten – Vorgänge und Materialien – analoger Bilder und gewährt einen Einblick hinter die Kulissen der Bildproduktion. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind geprägt von Abdrücken und Schatten – Spuren einer körperlichen Präsenz, die auf die Arbeit des Fotografen in der Dunkelkammer verweisen. In seiner Arbeit experimentiert Ruckert auch mit unterschiedlichen Techniken in der Fotoentwicklung. So arbeitet er mit Fotogrammen und Chemigrammen, die zwischen den abgebildeten Werkzeugen erscheinen und sich unauffällig in die Kompositionen einfügen.
Martin Ruckert studierte Fotografie an der Universität an der Folkwang Universität der Künste in Essen und ist heute als Fotograf in Leipzig tätig.
III. Preis: Nora Schwarz
- geboren 1991 in Köln
- Bild „Songs of The Taiga“
„Songs of the Taiga“ thematisiert das Verschwinden eines der letzten Ur- und Naturwaldvorkommen Europas durch großflächige Abholzung in Schweden. Die schwedische boreale Taiga ist nicht nur essenziell für die Biodiversität und den Klimaschutz, sie ist auch Heimat der Sámi, der letzten indigenen Gemeinschaft Europas. Die Fotostrecke begleitet Menschen, deren Leben, Arbeit und Kultur auf dem intakten Wald beruhen und die sich zu dessen Schutz einsetzen. Ergänzt wird die Bildreihe von Aufnahmen des Waldes.
Nora Schwarz studierte Fotografie an der Universität in Hannover und Aarhus/Dänemark. Seit 2024 arbeitet sie als Bildredakteurin für die Wochenzeitung „Die Zeit“.
Honorable Mention: Benjamin Friedle
- geboren 1999 in Stuttgart
- Worte aus Bildern aus Fotos aus Formen
Worte aus Bildern aus Fotos aus Formen untersucht, wie sich durch künstliche Intelligenz die Grenzen zwischen digitaler und realer Bildwelt auflösen und wie Fotografie als allgegenwärtige Sprache unsere Wahrnehmung prägt. In einem Zusammenspiel aus Text, Bild und Objekt thematisiert die Arbeit, wie algorithmische Prozesse, Simulation und Speicherstrukturen zu zentralen Bestandteilen der zeitgenössischen Bildproduktion geworden sind.
Benjamin Friedle hat Fotografie und Bildmedien an der Hochschule in Bielefeld studiert. Seit 2025 macht er ein Diplomstudium im Fach Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB).
Amateurpreis: Anika Werk
- geboren 2001 in Berlin
- Bild „Warum?“
„Warum?“ widmet sich dem Sichtbarmachen von Gefühlswelten, mit dem Ziel, für unausgesprochene Gewalt zu sensibilisieren. Anika Werk arbeitet dabei mit Bildgegenüberstellungen: Auf der einen Seite Aufnahmen von Körperfragementen gegenübergestellt mit assoziativen Bildern aus Natur und Stadt.
Anika Werk hat im Frühjahr ihre Ausbildung zur Fotodesignerin am Lette Verein in Berlin abgeschlossen.

Seit 1992 lobt die Stadt Gera in regelmäßigen Turnus den Aenne-Biermann-Preis für deutsche Gegenwartsfotografie aus. Er ist der neusachlichen Fotografin Aenne Biermann gewidmet, die in den 1920er- und 1930er-Jahren in Gera tätig war. Der Wettbewerb fördert innovative fotografische Leistungen und stellt aktuelle Entwicklungstendenzen der Fotografie vor. Die Ausstellung kann bis zum 14. Februar 2027 besucht werden.
QUELLE: STADTVERWALTUNG

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