Im Zuge des weiteren Ausbaus der Weißen Elster zum verbesserten Hochwasserschutz sollen umfangreiche Maßnahmen zum Ausgleich von Eingriffen in Natur und Landschaft umgesetzt werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Waldgebiet „Große Cosse“ im Nordwesten Geras. Dort wird durch die Thüringer Landgesellschaft mbH im Auftrag des Freistaats Thüringen die Einrichtung einer sogenannten Modernen Waldweide umgesetzt.
Die Stadt Gera unterstützt das Vorhaben als Eigentümer eines Großteils der betroffenen Waldflächen. Die Maßnahme dient der Umsetzung gesetzlich vorgeschriebener Ausgleichs- und Artenschutzmaßnahmen, die im Zusammenhang mit dem Hochwasserschutzprojekt an der Weißen Elster erforderlich werden.
Warum sind Ausgleichsmaßnahmen notwendig?
Der Ausbau der Weißen Elster zwischen Cubabrücke und Eisenbahnbrücke ist ein wichtiger Bestandteil des Hochwasserschutzes für die Stadt Gera. Die hierfür notwendigen Bauarbeiten führen jedoch teilweise zu erheblichen Eingriffen in bestehende Lebensräume geschützter Tier- und Pflanzenarten.
Nach den Vorgaben des Naturschutz- und Artenschutzrechts müssen diese Eingriffe ausgeglichen werden. Da sich viele der erforderlichen Ersatzlebensräume aufgrund räumlicher und fachlicher Anforderungen nicht direkt am Gewässer schaffen lassen, werden geeignete Flächen im näheren Umfeld benötigt. Die Große Cosse bietet hierfür besonders gute Voraussetzungen.
Zudem können hier noch weitere naturschutzrechtliche Kompensationsmaßnahmen, die aus anderen Bauabschnitten für den Hochwasserschutz an der Weißen Elster erforderlich werden, angerechnet werden.
Was ist eine Moderne Waldweide?
Die Moderne Waldweide ist ein anerkanntes Instrument des Naturschutzes. Anders als historische Waldweiden verfolgt sie keine vorrangig landwirtschaftlichen Ziele. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Entwicklung eines vielfältigen und dynamischen Lebensraumes. Die verschiedenen Waldfunktionen bleiben erhalten.
Durch die extensive Beweidung mit robusten Rinderrassen entstehen lichte Waldstrukturen, Übergangsbereiche zwischen Wald und Offenland sowie unterschiedliche Kleinlebensräume. Diese Strukturvielfalt bietet zahlreichen Tier- und Pflanzenarten optimale Entwicklungsbedingungen.
Die Tiere tragen durch ihr natürliches Verhalten zur Gestaltung des Lebensraumes bei. So entstehen neue Lichtungen, unterschiedliche Vegetationshöhen und ein vielfältiges Nahrungsangebot für zahlreiche Insektenarten. Davon profitieren wiederum Vögel, Fledermäuse und andere geschützte Tierarten.
Ein wertvolles Waldgebiet mit besonderer Bedeutung
Die Große Cosse umfasst insgesamt rund 125 Hektar Wald- und Offenlandflächen zwischen der Weißen Elster und der Autobahn 4. Für die Waldweide sollen zunächst ausschließlich die kommunalen Flächen genutzt werden. Perspektivisch ist eine Erweiterung möglich, sofern weitere Grundstückseigentümer ihre Zustimmung erteilen.
Das Gebiet zeichnet sich bereits heute durch eine hohe ökologische Vielfalt aus. Unterschiedliche Waldtypen, Sukzessionsflächen, Streuobstbestände, Quellen sowie zahlreiche Rand- und Saumstrukturen bieten Lebensraum für viele geschützte Arten.
Besondere Bedeutung besitzt die Große Cosse für den Fledermausschutz. Hier wurde eine Wochenstubengemeinschaft des Großen Abendseglers nachgewiesen – eine streng geschützte Fledermausart, die in Thüringen mittlerweile vom Aussterben bedroht ist. Zudem wurden Fortpflanzungsnachweise des Braunen Langohrs erbracht; weitere seltene Fledermausarten kommen im Gebiet ebenfalls vor oder werden vermutet. Damit trägt die Region Gera eine besondere Verantwortung für den Erhalt dieser Arten.
Welche Maßnahmen sind geplant?
Vor Beginn der eigentlichen Beweidung wurden bereits vorbereitende Maßnahmen eingeleitet. Dazu gehört eine großflächige Durchforstung, mit der insbesondere naturfern geprägte Kiefernbestände reduziert und wertvolle Altbäume freigestellt werden.
Geplant sind darüber hinaus:
- die Förderung alter Eichen und anderer strukturreicher Laubbäume
- die Anlage eines kleinen Gewässers zur Verbesserung der Lebensraumbedingungen für Amphibien und Insekten
- die Installation von Fledermaus- und Vogelnistkästen
- die Schaffung von Lebensräumen für die Zauneidechse durch Stein- und Wurzelstrukturen
- die Umsetzung von Maßnahmen zum Schutz seltener holzbewohnender Käferarten
- die zeitweise oder dauerhafte Auszäunung einzelner Bereiche zur Waldverjüngung und Bestandserholung
Ziel ist die Entwicklung eines vielfältigen Mosaiks aus Wald, Gebüsch, Offenland und naturnahen Übergangsbereichen.
Tierwohl und Sicherheit haben hohe Priorität
Die geplante Waldweide wird von einem qualifizierten Tierhalter mit Erfahrung in der extensiven Freilandhaltung betreut. Die Zahl der Weidetiere wird bewusst niedrig gehalten und regelmäßig überprüft. Begleitend erfolgen regelmäßige Tier- und Flächenkontrollen, veterinärrechtliche Überwachungen, forstfachliche Begleitungen, ein naturschutzfachliches Monitoring sowie eine enge Abstimmungen zwischen der Stadt Gera, der Thüringer Landgesellschaft, Forstbehörden, Naturschutzbehörden und Jägern. Für die Tiere werden notwendige Einrichtungen wie Schutzhütten, Futterraufen und ein Fangstand für tierärztliche Untersuchungen geschaffen.
Zum Schutz der Tiere und zur Sicherheit aller Waldbesucher wird die Weidefläche mit einem Elektrozaun eingefriedet. Alle gängigen Wander- und Spazierwege bleiben weiterhin nutzbar und können über speziell eingerichtete Personendurchgänge passiert werden.
Die Stadt bittet alle Besucher, zu den Tieren stets Abstand zu halten. Es sind mindestens 25 Meter erforderlich. Die Rinder sind zwar an ihre Umgebung gewöhnt, bleiben jedoch Nutztiere mit natürlichem Verhalten. Hunde sind im Bereich der Weideflächen grundsätzlich anzuleinen. Das Füttern, Anlocken oder Stören der Tiere ist nicht gestattet. Das Betreten erfolgt auf eigene Gefahr.
Mehrwert für Natur und Menschen
Neben den gesetzlichen Ausgleichs- und Artenschutzmaßnahmen bietet das Projekt zahlreiche weitere Vorteile. Die Entwicklung strukturreicher Waldlebensräume stärkt die biologische Vielfalt, verbessert die ökologische Vernetzung im Elstertal und schafft langfristig wertvolle Lebensräume für seltene Arten. Gleichzeitig bleibt die Große Cosse ein attraktives Naherholungsgebiet. Umweltbildung, Naturerlebnis und ein sanfter Tourismus können durch die Waldweide zusätzlich gefördert werden. Mit der Modernen Waldweide entsteht damit ein Projekt, das Hochwasserschutz, Naturschutz und Erholungsnutzung miteinander verbindet und einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Geraer Landschaft leistet.
Hinweis
Die Einrichtung der Waldweide erfolgt durch die Thüringer Landgesellschaft mbH im Auftrag des Freistaats Thüringen. Die Stadt Gera begleitet das Vorhaben als Eigentümer der betroffenen kommunalen Waldflächen und als wichtige Partnerin bei der Umsetzung der naturschutzfachlichen Ziel.
QUELLE: STADTVERWALTUNG

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